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Heidelberg am 11
April 1821.

Geliebte Mutter!

Wenn ich nicht wüßte, daß ihr alle mit gleichem Antheil das zu erfahren strebt, was mir oft widerwärtig ist, andern zu sagen, so sollte dieser Brief, der e i n neuer Gestalt erscheint , manches verbergen. Deiner u der lieben Emma voriger Brief schlugen mich beim ersten Anblick fürchterlich und noch mehr, als ich kein keinen vom Vater, sondern nur ein unausgeschriebenes Blättchen fand. Als Hauptgrund eures fast gleichen Inhalts gabt ihr mir Schwärmerei vor und theologischen Mysticismus. Die Worte dabei sind einerlei; wie ich ein Ziel mir ausersehen soll, weiß ich nicht. Scheine ich ein böser Mensch und Heuchler euch zu sein, der durch Seltsamkeit sein Leben andern ans kenntlich machen oder will, oder ein guter und Schwärmer? G[...] Gott gebe es, daß auf der Universität der immer nach Außen gekehrte Sinn recht oft sich umwandelte, da die Menschen alle hier nicht in Eintracht, sondern stetem Zwist und Aufpassen leben, also natürlicher Verstand und Lebensklugheit durchaus nöthig ist, um oft wider seinen Willen, nicht in Händel zu gerathen. Was ich damals euch schrieb, entgieng meiner Feder in einem – mir wenigstens noch nicht begegneten Zustand, indem das äußere Recht zweier Menschen durch den Zweikampf entschieden werden sollte; doch mein Feuerbach tratt in die Mitte und seine Freundschaft erkannte ich. Um euch alle nicht in der geringsten Ungewißheit zu lassen, so gebe ich kurz die Sache an. Von einem wirklich lüderlichen Menschen sprach ich (nicht hier) auf Anfragen ganz wahr und mit Mäßigung; jener erfährt meine Äußerung u läßt mich aus Erlangen (hier studirte er) durch einen Dritten um den Mittelpunkt unseres Zusammentreffens fragen, um die Sache d[...] zu enden. Feuerbach verstand das Studentenherkommen und den Dank war ich ihm nicht meinetwillen, sondern euretwillen schuldig. Wenn gleich Sachen der Art hier alle Tage vor sich gehen, so gehören diese Worte blos Euch an; andere Menschen suchen sie elend zu deuten. Was Feuerbach anbetrifft, so entschuldige ich sein früheres Leben, was aber nie zügellos war, mit seinem Eintreten in die Burschenschaft; |2 wo sich dieses Feuer erst hatte austoben müssen, um zur jetzigen Ruhe u Heiterkeit zu gelangen. Auch sein Vater, der von hier nach Paris reiste, wunderte und freute sich über sein munteres Wesen. Von Verderben ist bei ihm gar keine Rede; vielmehr stürmt er oft zu sehr ins Leben und erholt sich dann aufs neue mit frischer Kraft. So hat er jetzt eine frohe Reise nach Stuttgardt, Tübingen, Freiburg und Straßburg gemacht, die seinen Körper und Geist nähren wird. Seinem Alleinseyn konnte ich nicht abhelfen; denn ich konnte nicht mitwandern. Vielleicht So bleibe ich die 5 Wochen hier und bringe das in Ordnung, was den Winter über zu geschwind in Neuheit dem Geist eingepreßt wurde. Merk ist nach München, Voss zu seinem Freund Grimm in Weinheim abgereist. Dieser wollte mir dießmal einen Brief mitgeben, doch kam ich zu spät. Sein Vater befindet sich mit der Mutter V. recht wohl. Paulus befindet sich wieder besser und wird die collegia am Anfang der Vorlesungen an auch beginnen. Der Umgang der Tochter beschran beschränkt sich auf die von mir sehr geachtete F. v. Reizenstein , die nicht mit dem ewigen Heidelberger Wesen (das so ziemlich dem Baireuter gleicht) fortgehen will oder fast eigentlich gar nicht. Unter den neuen Menschen und Neulingen, deren man hier zu Duzenden jeden Tag sehen kann, traf ich vorgestern einen sehr gebildeten Amerikaner , der schon des Vaters Kometen gelesen hatte. Sein oft kindliches u unschuldiges Fragen gegen Voß, das mit einem Buch kaum beantwortet werden konnte, würzte das sonst gesprächl einseitige Gespräch. An den Vater getraue ich mich nicht zu schreiben. Diese Worte will ich stehen lassen. Denn nicht hier allein, in tausend andern u wichtigeren Sachen wird er meine Veränderlichkeit sehen, die aber gewiß nicht schädlich ist. Eben bin ich mit dem Briefchen |3 an Emma fertig, und bin bei Dir, beste Mutter. In diesem Augenblicke glaube ich, Dich als die zweite Herder auf Erden zu sehen u wenn ich einige Briefe des Unvergeßlichen an seine treue Gattinn lese, so möchte ich sie Dir eben so abschreiben, blos damit Du siehst, ich habe verstanden, was er mit seinen Briefen wollte, und Du eben so von D m einem Vater denkst. Aber das thust Du gewiß und seit langen Jahren. Du liebst ihn recht innig; er verdient aber auch diese Verehrung. Wenn sich einer in die Lage versetzen könnte, in der ich als Sohn dieses bin, er würde wahrlich eben so sonderbar und närrisch sein, als ich; Zu was einen Schwachen ein Vorbild führen kann, weiß ich; und oft rede ich mit mir selbst mit meinem Ich im Bewußtsein, finde aber alle Reden so gewöhnlich, daß nichts dabei besonderes ist; und doch habe ich Gedanken vor mir, die auch ein Mensch an gedacht hat. Ich kann diese Unruhe nicht s leichter stillen, als durch besonnenes und verständiges Auffassen alles, was in der Wissenschaft [...]oder sonst vorkommt; Klarheit, Heiterkeit suche ich zu gewinnen und in gleichmäßigem Betragen zu sein; der Grund ist kein andrerer als die Universität, wo die männliche Würde oder ein Ernst sich voreiliger Eiligkeit, Flüchtigkeit und Sonderbarkeit (einer sein sollenden) bemeistern u diese unterdrücken soll. Die Vortreflichkeit Vieler ist zu groß, als daß sich einer über den andern erheben kann; so bringt die Universität wohl Ernst mit sich, aber (oft!) wird das jugendliche Feuer, das sich |4 in Allem zeigt, erstickt, blos um im gleichen Verhältniß mit Andern das h. ohne eigenthümliche Auszeichnung, wenigstens merkbare zu stehen. So gewinnt aber hier Gleichgültigkeit gegen gewisse Verhältnisse ihren Platz, und die Achtung gegen Andere erscheint äußerlich. V Vielleicht scheint es mir nur so und ich urtheile künftig anders. – Hat nun der liebe Vater schon einen Reiseplan gemacht? Weimar und Jena wär wird ihn vielleicht mehr reizen, als die Rheingegenden; Schreibt Otto u Wagner wohl häufig an den Vater. Noch muß ich Dich bitten, geliebte Mutter, mir die Wohnung Deiner Stiefmutter in Berlin zu zeigen; ich möchte gar zu gerne an sie schreiben ; . In einem Jahr wird sich doch, glaub' ich, meine Lage ändern; da Du mich neulich um Anzeige meiner Ausgaben so mütterlich bekümmertest, so schicke ich sie Dir. – Karové läßt euch Alle recht freundlich grüßen. Noch [...] macht er folgende Nachfrage, ob er nicht von dem Maler Layriz sein | ungestaltetes u gewiß vergriffenes | Bildniß vom Vater nicht gegen ein anderes umtauschen könnte; In Bayreut kann ja so etwas leicht wieder verfertigt werden. – Nun seid alle herzlich gegrüßt und geliebt und, wenn ich einen Kummer auf eure Herzen lade, so macht durch Ermahnen und Befehlen, daß ich gebessert werde. Viele meiner Fehler sind mir unbekannt, oder ich gehe leichtfertig hinweg, drum brauche ich solche Lehrer, wie ihr guten Eltern seid. Habt eher ihr mich noch etwas lieb? Gott weiß es, daß ich gut von euch denke; ich aber, daß ich eurer nicht werth bin. – Nun grüßet Eman u Otto; auch die Amöne. Bald, bald hoffe ich Briefe! Wollt ihrs? Von hier aus folgen Glückwünsche u Grüße in Menge. Voss ist von Neuenheim nicht zurück.

E.M.

Zitierhinweis

Von Max Richter an Caroline Richter. Heidelberg, 11. April 1821, Mittwoch In: Digitale Edition der Briefe aus Jean Pauls Umfeld, bearbeitet von Selma Jahnke und Michael Rölcke (2020–). In: Jean Paul - Sämtliche Briefe digital. Herausgegeben im Auftrag der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften von Markus Bernauer, Norbert Miller und Frederike Neuber (2018–). URL: http://jeanpaul-edition.de/brief.html?num=JP-UB1009


XML/TEI-Dokument

Textgrundlage

H: BJK, Berlin A
1 Dbl. 8°, 4 S.


Korrespondenz

B: Von Caroline Richter an Max Richter. Bayreuth, 26. März 1821
A: Von Caroline Richter an Max Richter. Bayreuth, 23. April 1821