Edition Umfeldbriefe

Von Sidonie von Dieskau an Johann Ernst Wagner. Ohne Ort, 9. November 1810

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am 9 Nov:

Eine bejahrte Verwandtinn bey der ich in meiner Jugend zuweilen einige Monate auf dem Lande zubrachte – reizte mich sehr oft zur Ungeduld, wenn ich ihr etwas vorgelesen hatte was sie ansprach, so wollte sie den andern Tag gerade etwas wieder so schönes, so sie ergreifendes, so ihr anpaßendes vorgelesen haben – oft wurde ich böse über diese Einseitigkeit, und las ihr gar nichts vor! Recht schwer habe ich mich an der guten Baase versündiget, denn ach, lieber Herr Wagner, diese ungelenkige Hals oder Buchstarrigkeit hat sie mir glaube ich vermacht – nichts gefällt mir wenn es nicht Wilibald ähnlich, keine Landschaft kein Gemählde wenn es nicht eben so wie Wilibalds Ansichten, nicht eben so rührend als Agathe , nicht so freundlich zart als Clotilda gemahlt ist – stehe ich nicht an einem schreklichen Abgrund? an der Gefahr, undankbar nicht allein zu scheinen, nein auch zu seyn? – warum Ihre schöne himlische Phantasie |2 so rasten laßen, warum den apropos des Moments so viel einräumen, ihm als verpflanztestes Gewächs neben die Einheimischen herrlichen Blüten zu sezen – Nein mein guter Wagner Sie selbst sprechen sich nicht in den Alphabet aus – fremder Wiz, nur durch den Ton, oft nur durch die Caricatur der Figur der Dellung welche die Leser nicht sehen Wiz; sollte nicht den Ihrigen verunzieren – und das augenblickliche Gelächter was er verursachte, Ihre eigne frohe Jugendlaune hätte Sie nicht bestechen sollen! Nicht wahr Sie sind nicht böse daß ich recht offen meinen Unwillen gerade Ihnen, aber auch nur Ihnen über meine betrognen Erwartungen mitheile Halten Sie mich weder für undankbar, noch für anmaßend – aber für wahr, ich schreibe weil ich so denke, weil ich Sie achte – ach und weil ich weiß wie Sie schreiben könnten und können: |3 Schreiben Sie mir ein paar Wörtchen daß Sie mir vergeben, und legen Sie diese an Emil ein, weil ich um die Zeit in Gotha seyn werde – ich bedarf dieses Trostes – denn ohnerachtet ich nicht anders nach meinen Gefühlen antworten konnte, werde ich doch bis zu Ihren Briefen an etwas leiden was der Gewißensangst vollkommen ähnlich sieht:

Ihre Verehrerin u Freundinn Sidonia

Zitierhinweis

Von Sidonie von Dieskau an Johann Ernst Wagner. Ohne Ort, 9. November 1810 In: Digitale Edition der Briefe aus Jean Pauls Umfeld, bearbeitet von Selma Jahnke und Michael Rölcke (2020–). In: Jean Paul - Sämtliche Briefe digital. Herausgegeben im Auftrag der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften von Markus Bernauer, Norbert Miller und Frederike Neuber (2018–). URL: http://jeanpaul-edition.de/brief.html?num=JP-UB1044


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Textgrundlage

H: Faksimile Baumbachhaus Meiningen (ehemals Slg. König),
1 Dbl., 2½ S.