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Berlin den 3ten Dec. 1805.

Sie köstlicher Mann! Schöne Frauen sind die einzigen Machthaberinnen des Dankes, der Ihnen gebührt für Ihre liebliche Dichtung . Könnte ich Ihnen alle die Küsse übersenden, die mancher schöne Mund so gerne dankbar über sie ausgösse, wenn ihm die Möglichkeit vergönnt wäre. Aber auf Wagen sind sie der Überschwänglichkeit wegen nicht zu fahren, und die Schiffahrt ist neben ihrer Unmöglichkeit ein zu kalter Transport. Ungebunden hat man mir das Buch aus den Händen gerissen. Kaum habe ich es darauf in eine leidliche Hülle bringen lassen, so ist es schon wieder in einen vehementen und weit hinaus pränumerirten Kurs gerathen. Wohl haben Sie Recht, wenn Sie vermuthen, daß unter den reichen üppigen Blüthen Ihrer Dichtung mich die besonders ansprechen müssen, welche dem geliebten vaterländischen Boden ausschließlich angehören. Ich bedaure die entzückten Menschen der hiesigen Erde von Grund der Seele, daß ihnen das Organ für die vollendetste Plastik Ihrer Vorstellung abgeht. Die Märkische |2 Natur ist rein unpoetisch, weshalb sie nur negativ Object der Poesie werden kann, wie Göthe's Xenie zur Genüge darthut. Der Mensch entspricht den platten, endlosen Sandflächen. Die Roheit und gänzliche Formlosigkeit der Landleute schrekt zurück u. erregt Eckel, welcher noch durch die Scheidung in feiste Pächter und hungrige Sclaven erhöht wird. Ihre Jahreszeiten in ihrem hüpfenden Leben haben mich gleichsam in der Ferne in den Besitz unseres edleren Vaterlandes gesetzt. Dieser Besitz, als ein idealer, hat überdem das Gute, daß er mir den Genuß an dem künstlicheren Leben, welches gedrängte Menschenmassen gebären, weniger verleidet, und meine Empfänglichkeit vielmehr schärft. – Sie können denken, daß ich mit heiser Begierde Ihren ferneren Werken entgegensehe. Ich freue mich, daß Sie zu Göschen gegangen sind , da dieser besser |3 für Circulation sorgen wird, als Hanisch Wittwe und Ihre Werke in einem zierlicheren Gewande wird auftreten lassen.

Ich spare jetzt mit vielem Ernste für Reisegeld nach Meiningen. Bisher war Mangel an Geld das wesentliche Band, welches mich hier festhielt. Der Himmel gebe, daß nach Hebung dieses Hindernisses kein anderes mir in den Weg tritt!

Möge die blühende Hygieia schon den kleinen Telesphorus in Ihrem Hause abgelößt haben! Ich will hoffen, daß Sie mit dem rothen Hunde ( febris scarlatina ) so gut fertig geworden sind als ich, der ich vorigen Frühling mit ihm kämpfte. Einige Tage abgerechnet konnte ich das Übel nur als einen 6 wöchentlichen Stubenarrest betrachten, der aller Welt den Zugang zu mir versperrte. Diese Tage der vollständigsten Muße hatten deshalb für ein Lastthier meiner Art fast mehr Süßes als Bitteres.

Ihr
ewig ergebenster
Georg Keßler

Zitierhinweis

Von Georg Wilhelm Keßler an Johann Ernst Wagner. Berlin, 3. Dezember 1805, Dienstag In: Digitale Edition der Briefe aus Jean Pauls Umfeld, bearbeitet von Selma Jahnke und Michael Rölcke (2020–). In: Jean Paul - Sämtliche Briefe digital. Herausgegeben im Auftrag der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften von Markus Bernauer, Norbert Miller und Frederike Neuber (2018–). URL: http://jeanpaul-edition.de/brief.html?num=JP-UB1045


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Textgrundlage

H: Faksimile Baumbachhaus Meiningen (ehemals Slg. König),
1 Dbl., 3 S. S. 3 Adr.: Des | Herrn Kabinetssecretär | Wagner | Wohlgeboren | in | Meiningen | d. E.