Edition
Korpus
Korrespondenz

Von Karl August Freiherr von Wangenheim an Johann Ernst Wagner. Stuttgart, 16. bis 18. Februar 1811, Sonnabend bis Montag

Darstellung und Funktionen des "Kritischen und kommentierten Textes" sind für Medium- und Large-Screen-Endgeräte optimiert. Auf Small-Screen-Devices (z.B. Smartphones) empfehlen wir auf den "Lesetext" umzuschalten.



|1
Stuttgart den 16 Febr. 1811.

Dank Euch, lieber trefflicher Freund! für die schönen herrlichen Bilder, die Ihr uns geschickt habt, für das gemahlte und das geschriebene. In jenem lebt mein wackrer Bettenburger und in diesem Ihr, beyde wie Euch Gott seelig gemacht hat, so liebend und so stark u so fromm, so menschlich u so strebend nach dem himmlischen, so genießend u so entsagend. Ich müßte mich lange besinnen, und am Ende hälf' es doch nichts, ob mich je ein Geschenk so gefreut, so gerührt habe, als Deine Doppelgabe, mein Mensch? Ich habe herzlich geweint und meine Mädchen, die ich eben unterrichtete, als der Brief von der Post ankam, wurden verwirrt und traurig, bis ich ihnen das Bild u meine Freude zeigte und sie es erkannten und jubelnd hinauf zur Mutter trugen. Ich könnte Euch nicht würdig danken, wenn Ihr meine Thränen nicht verständet, lieber Wagner! Aber Ihr versteht sie u so ist uns beyden geholfen.

Alles macht mir den heutigen Tag zum schönen, auch der Umstand, daß es heute Sonnabend ist, wo sich die Freunde regelmäßig und dießmahl gerade bey Cotta, der ganz hier her gezogen ist, versammeln, so daß ich ihnen heute noch das Bild auf vorgeschriebene Weise – die auch ich heilig beobachtet habe – zeigen und sie freudig überraschen und ihnen dann alles durch Euern Brief erklären kann. Wie werden sich Alle fre u en, daß uns Truchseß außer sich selber auch Euch geschenkt hat! Ihr seyd aufgenommen in unsern Bund, denn wir liebten Euch Alle, kennten wir Euch auch nur aus dem hennebergischen Fibelschützen, und die Gläßer sollen voll gefüllt erklingen u der Wein soll Wellen schlagen, wenn wir ihn zu Euern Gedächtniß trinken u auf des Ritters Wohl.Morgen erzähl ich Dir Alles.

den 17ten früh.

Nun es ist alles gekommen, wie ich es vorausgesehen u gesagt habe. Der Jubel war allgemein, u das herrliche Bild des herrlichen Menschen wurde auf den ersten Blick von Allen erkannt. Man konnte sich nicht satt daran sehen und nicht genug die lebendige Aehnlichkeit, die gelungene Darstellung des ganzen Menschen im Bilde preißen. Verwunderung u Lob stiegen |2 als ich, nachdem die erste Schaulust befriedigt war, Ihren Brief vorlaß und man daraus den jungen ungeschulten Künstler erfuhr. Alle, worunter auch Kunstkenner, waren darüber einstimmig, daß in dem Knaben sehr viel liegen und daß er ein Gemüth haben müße, das das Höchste im Menschen herzlich u geistig aufzufaßen verstehe; denn er müße den braven Bettenburger in seiner ganzen schönen Individualität begriffen haben, um sein Gesicht so wiedergeben zu können. Der brave, wackere Junge komme früh oder spat hierher, er würde achtende Freunde finden, auch wenn er nicht der Sohn unsers so geliebten Freundes wäre. Er dürfte sogleich u ungeschult kommen u er würde eines guten Erfolgs sich erfreuen.

Aus dem Knaben muß etwas Seltenes werden, wenn ihm Gott seinen Vater noch einige Zeit läßt, wenigstens so lange, bis er die Periode erreicht hat, in welcher das Gemüth seine höchsten Wellen schlägt; wo die Selbstliebe und die Elternliebe sich, wenn ich so sagen darf, zum Quadrat der Liebe potenzir e n, zur ästhetischen gegen das zweyte Geschlecht; wo es sich entscheidet, ob der Mensch untergeht in dem Sklavendienste des Verstandes u seines Gebiets der Endlichkeit, oder ob er sich hinaufschwingt zur sittlichen u religiösen Liebe im freyen Dienste der Vernunft in dem Gebiete des Ewigen. Die Kunst ist die Vermittlerin zwischen Himmel u Erde, sie bringt beyde zusammen, wenn sie die Erde zum Himmel trägt und den Himmel der Erde verständlich macht. Aber wie soll der Künstler ihre Aufgabe lösen, wenn er nur die Erde, und nicht ihren Begriff hat, wenn er nicht den Himmel in sich trägt und ihn darstellend begreiflich machen kann? Aber wo sind die Künstler, die davon auch nur eine Ahnung haben? Sind die größten nicht, dem Ewigen fremd, in der Endlichkeit befangen? Sind nicht die meisten blos Kopisten desjenigen in der Natur, was nicht ist, vom endlichen Bilde eines ewig Seyenden? – Aber was macht den Künstler zum Künstler? – Die Idee, die Idee der Schönheit, die Du nicht haben kannst ohne die der Wahrheit und der Tugend; denn sie ist zwischen ihnen, das Band beyder, die Fuhrerin aus dem Reiche der Nothwendigkeit zum Reiche der Ewigkeit. Aber ich predige und wem? – Verzeyhen Sie, lieber Ernst! Der |3 Knabe – hätten Sie mir nur seinen Vornahmen genannt! – hat Gemüth, Talent und, was die Hauptsache ist, er ist Ihr Sohn u so muß er das werden, was ich einen Künstler nenne. Möge ihn ein guter Engel schützen und rein erhalten im unausweichlichen Kampfe mit der Leidenschaft!

Ich muß noch etwas vom Bilde und von gestern erzählen, das mich recht gefreut. Mein Freund, der Dr. Jäger, mit dem Truchseß viel zu wenig bekannt wurde, weil jener von seiner ärztlichen Praxis beynahe ganz verschlungen wird, kam später zu uns und wir waren schon bey der Lectüre vom neuesten (herrlichen) Shakespeare-Schlegel. Er betrachtet das Bild lange und in einer Pause, die wir machen, sagt er: den Menschen kenne ich, obgleich nicht seinen Nahmen, aber er wird blind, wenn er es noch nicht ist.Ich hätte weinen müßen vor Schmerz, wüßte ich nicht, daß unser Freund sehend wird, so bald er einmahl will. Aber er ist in solchen Dingen so fromm-genügsam (u. wohl uns!), wie mein lieber Wagner.

Mittags.

Ich komme eben vom seelenvollen Dannecker — ausgemacht dem ersten Bildhauer seiner Zeit, obgleich ein Canova lebt, und dem enthusiastischen Freunde des unsrigen – dem ich diesen Morgen das Bild u die Geschichte deßelben geschikt hatte und bringe ein erfreuliches Urtheil. "In dem Jungen steckt viel, sehr viel – rief er mir beym Eintritt entgegen – die Aehnlichkeit ist sprechend, der Character empfunden und ein seltenes Auge hat er, denn er hat Nuancen gesehen und angedeutet, die mancher Künstler übersehen haben würde; ich habe bey solchem Alter noch kein so ausgesprochnes Talent gesehen. Der Gang des Knaben kommt mir vor, wie der unsrer genialen alten deutschen Mahler, und wie er sich zb in Holbeins frühesten Produkten darstellt. Man soll ihn seinen Weg gehen, gute Sachen sehen, aber nichts copiren, sondern nur nach der Natur arbeiten, viel zeichnen laßen, schöne Arme, Hände, Füße u. s. w. Wer in diesem Alter die Wahrheit so sieht, erkennt u darstellt, in dem bricht auch die Schönheit ein u führt ihn sichrer, als jeder Lehrer. Muth soll man ihm machen und Freyheit laßen; denn er wird beyde nicht misbrauchen" So Danneker – ich mußte |4 ihm das Bild laßen u versprechen, mich u Ihren Brief am Mittwoch in seinen Künstlerzirkel zu bringen.Am Ende sagte er: Ach! wenn ich so einen Sohn hätte, ich wäre auf Erden schon seelig.Er ist leider kinderlos.

den 18ten früh.

Unsers Freundes Disticha sind in der That herrlich und er soll mich und niemand mehr bitten, Innschriften in seinen Naturgarten zu machen; denn er kann es selber beßer. Doch tadele ich etwas sehr an dem Gedichte, die Ueberschrift nähmlich, die sich, wenn wir den Character des Wernerischen Uebertritts zur catholischen Kirche und sein Benehmen darin in Rom vom wahren Standpunkte aus betrachten, durchaus nicht auf Werner passt. Denn er scheint mir schlechthin nichts zu übertreiben, sondern nur zu gestehen u zu offenbaren, daß er sich selber bis zum gänzlichen Misverstand des Wesens der Religion u des Cultus hinuntergetrieben habe.

Das Wesen der Religion ist Mystik und insofern Cultus die äußerliche Darstellung des innerlich angeschauten, empfundenen u gedachten ist, ist auch er mystisch. Die Mystik aber ist, wie es das Wort schon sagt, die lebendige Anerkennung, daß es neben dem Sichtbaren u Sinnlichen auch ein Unsichtbares u Uebersinnliches gebe; daß das leztere ein unendlich vortrefflicheres u wünschenswertheres sey, als das erste; ja daß das Sichtbare u Sinnliche selbst nur aus dem Unsichtbaren, Un- u Uebersinnlichen Bestand habe, nur in Beziehung auf dieses Sinn u Werth erhalte, außer diesem aber nichtig und sündhaft sey. Aus dieser lebendigen Anerkennung geht aber die Sehnsucht nach dem Verborgenen, nach Gott u seinem Reiche – das Dahingeben, das Geringachten, das Fliehen und Zurükstoßen alles Sinnlichen u Sichtbaren d. h. es geht aus ihr das Wesen der Religion hervor. Es spricht sich aber in dem religiösen Menschen auf eine dreyfache Art aus – vom Geiste aus als göttliches Erkennen; vom Gemüth aus als göttliches Lieben; vom Leben aus als göttliches Handeln. Unser Typus ist Christus in welchem sich alle 3 Strahlen vollständig offenbart haben. Die religiöse Erkenntniß ist aber keine andere, als die Anschauung u Erkenntniß des Unvergänglichen u Ewigen an den Dingen d. h. als dasjenige, was sie in Gott sind; die religiöse Liebe ist eben so die Liebe des |5 Ewigen u Unvergänglichen an den Dingen oder der Dinge, wie sie in Gott sind; und aus der göttlichen Erkenntniß u der göttlichen Liebe folgt das göttliche Handeln von selber, denn wie der Mensch den Vater in Allem sieht u liebt, so thut er auch in Allem den Willen des Vaters. Er ist religiös in den 3 Hauptverhältnißen jedes Menschen, in dem Verhältniß gegen die Natur, in dem gegen die Menschheit u in dem gegen Gott. Wie der Mensch aber innerlich begeistert ist, so treibt ihn seine Natur die innere Begeisterung äußerlich darzustellen, seine Gefühle werden Geberden, seine Gedanken Worte, seine Ideen Bilder. Einmahl das Innere durch Geberde, Wort u Bild ausgesprochen u sichtbar gemacht, eröffnet sich dem Menschen ein ganz neuer Kreiß seines geistigen Bewusstseyns. Das religiöse Wesen trennt sich von der unmittelbaren Anschauung, erscheint ihm in einer unabhängigen Gestalt und er nimmt das Werk seiner Bildung gewißermaßen mit Freyheit in die Hand. Aber so seegensreich auch in jeder Rüksicht dieser Schritt der geistigen Cultur ist, so giebt er doch auch zugleich die erste Möglichkeit religiöser Verirrungen. Denn die Geberde, das Wort und das Bild haben nur insofern religiösen Gehalt u relig. Bedeutung, inwiefern ihnen ein inneres Leben, eine religiöse Anschauung zum Grunde liegt. Ohne dieses Leben, ohne diese Anschauung wird die Geberde Grimmaße, das Wort ein leerer hohler Schall, das Bild eine nichtige todte Form: Sie fallen alle drey in ein pures Nichts, so bald der innere Trieb, der sie erzeugte, das Gefühl und der Geist, die sie schufen, verschwunden sind. Sie sind aber in dem nähmlichen Augenblicke verschwunden, in welchem der Mensch, der Sinnlichkeit hingegeben und das ursprüngliche innere Leben verlierend, anfängt, dem äüßern Ausdrucke deßelben Werth u Bedeutung beyzulegen u ihn als etwas an sich wichtiges u der Religion wesentliches zu betrachten. Die todte Form stellt er als Mittelpunkt nun auf, an den er alles übrige anschliesst, das aber, worin er die Religion erkennen soll – das |6 Heilige u Göttliche – geht in ihm unter, sein eignes Machwerk tritt an deßen Stelle u er verfällt in einen träümerischen Zustand, in welchem ihm, so lange er dauert, alle Erhebung u Heiligung der menschlichen Natur rein unmöglich ist. Und in diesem elenden Zustande ist der Ursprung der Abgötterey zu suchen. Indem das Zeichen an die Stelle des Bezeichneten tritt, geht die religiöse Geberde, sonst ein schöner Ausdruck der Andacht u Frömmigkeit, in erbärmlichen Ceremoniendienst über, das Wort, sonst die Darstellung der innersten Anschauung u Empfindung in einer ausgesprochnen Wahrheit, verwandelt sich in Papageyngeschwätz und Maulbraucherey; und die im Bilde dargestellte Idee der Macht, Weisheit u Güte artet in schnöden Bilderdienst aus. Hat man aber einmahl diese genetische Ansicht der Geberde, des Worts u des Bilds verlohren, ist man einmahl in den Sklavendienst der Gebräüche versunken, so ist nichts natürlicher, als der unnatürliche Versuch der After-Pädagogen (dieß Wort im weitesten Sinne genommen und auf Philosophen, Dichter, Staatsmänner pp bezogen), die Religions-Gebräüche zum Mittel zu erheben, das Volk u die Menschen überhaupt für Religion empfänglich zu machen. Statt, wie Jesus mit seinen Jüngern that, die heiligen Gebräuche aus der Religion entstehen zu laßen d. h. statt die Menschen vor Einsetzung der Gebräüche in das Leben der religiosen Anschauungen u der heiligen Gefühle einzuführen, wollen sie nun aus den Gebräuchen die Religion herausfallen laßen u aus dem Tode das Leben erzeugen. Wäre diese Verkehrtheit ausführbar, wie sie es denn glüklicherweise nicht ist, so würde sie alle Religion unwiderbringlich zerstören und das heilige vernichten. Denn, weit entfernt, daß ein Mensch von einiger Bildung sich durch das Aeußere in das Innere gleichsam hineintreiben ließe, wie der Ochse in den Stall, wirft er es vielmehr, so bald er mündig geworden, als eine fremde u lächerliche Last weg und wird, die Bedeutung nicht erfaßend, entweder Heuchler oder Religionsspötter. Wenn nun vollends Menschen, wie Werner u Andere, mey |7 nen, daß der catholische Cultus d. h. der symbolische, worthlose, der wahre für das sinnliche Volk sey, so lässt sich die Rede gerade umdrehen und behaupten, daß das Volk deßelben nicht fähig sey, und daß nur der vollendet Gebildete es vermöge, im Zeichen das Bezeichnete, im Aeußern das Innere anzuschauen u zu erfaßen; denn die Symbole der catholischen Kirche deuten auf ein unmittelbares Verhältniß der religiösen Weyhe des Herzens zum Aeußern hin und von dieser Seite erscheint die Religiosität ganz frey u unabhängig vom Denken u gleichsam darüber erhaben, indem hier der Mensch das Unmittelbare der Religion unmittelbar selbst ergreift und ausdrückt. Daß dieß aber nur bey der hochsten religiösen Stimmung u Anschauung möglich sey, leuchtet ein. Deswegen scheint der Protestantismus mit Recht diese Art von Symbolen vom öffentlichen Cultus ausgeschloßen zu haben, weil sie in ihrer Reinheit nur da erscheinen, wo das Gemüth, göttlich ergriffen u überwältigt, die Gegenwart Gottes über alle Worte erhaben fühlt u wo der Mensch selbst sich ganz als Kind Gottes empfindet. Auch dafür erscheint uns Christus als Muster in seinem Umgange mit dem Vater. Aber wie himmelweit entfernen sich unsere After-Mystiker von diesem erhabenen Vorbilde! Aber auch ihr Thun, das (wie sich Werner Zb selbst irgendwo ausdrückt) ein Nicht-Thun oder eigentlich ein Böses-Thun ist, läßt sich genetisch nachweisen. Das einsame Leben der Andacht ist ursprünglich göttlich und treibt zu allem Göttlichen. Wie das Göttliche den Menschen ergreift, so durchdringt es – eine himmlische Wonne, eine seelige Wohllust – sein ganzes Wesen, er schwimmt in einem Meere von Freuden, er sieht sich in die neue Welt eines göttlichen Paradießes versezt, in ein unbekanntes Eden, in welchem ihm die schönsten Blumen duften, Blumen, die er ohne Mühe u Anstrengung nur pflücken, Früchte, nach denen er nur greifen darf , um sie zu genießen.So weit ist alles recht und göttlich nothwendig; allein noch einen Schritt weiter und die Ausartung liegt entschieden da. Dieser seelige Zustand des andächtigen Lebens wird von der Sinnlichkeit ergriffen; |8 die Neigungen, Wünsche und Begierden des sinnlich ergriffenen Menschen hängen sich an diesen Zustand und er möchte nun ewig so genießen, ewig so seyn. Nun strengt er seine Phantasie an, um mit ihrer Hülfe den Zustand wieder hervorzuzaubern, der entflohen war, nachdem der göttliche Funken der Begeisterung in ihm erloschen; er will sein Paradieß behaupten, ohne es weder zu erkennen noch zu verdienen; die hohe Offenbarung, deren sein Gemüth theilhaftig war, trennt sich in ihm von der Quelle, aus der sie hervor gieng; jene Anschauungen des Göttlichen und Uebersinnlichen verwandelt er in Gegenstände der sinnlichen Einbildungskraft, um kindisch mit ihnen zu spielen und sich an ihnen zu ergötzen; und er braucht das ursprünglich Heilige u Göttliche als eine Nahrung für seine Trägheit, als Mittel der Zeitverkürzung, statt es zu gebrauchen, um Gewalt und Herrschaft zu haben über das Sinnliche. In diesem Gaukelspiele, das er mit sich und dem Heiligsten treibt, wird er ein eigentlicher Gotzendiener seiner selbst, seiner Phantasie und seiner Sinlichkeit. Jede Pflicht wird ihm zur Last u er reißt sich los von den frohen, heitern Banden des Lebens. Dieß scheint mir die Quelle aller Religionsschwärmerey und des ausgearteten Mystizismus und zugleich der Zustand zu seyn, in welchem Werner sich jezt befindet. Den Mystizismus der Vernunft u den der Phantasie nicht unterscheidend sezt er das Bild des Göttlichen an die Stelle des Unaussprechlichen selber und unfähig – das Sinnlische vom Geistigen, die Erscheinung vom Wesen zu unterscheiden – hält er die bloße Form, in der es ihm deutlich wurde, fest, macht sie zum Mittelpunkte seiner Verehrung und wähnt in ihr das Ewige selber zu besitzen. Die Folgen eines solchen Zustandes sind unfehlbar höchst unglüklich. Dem unwiderstehlichen Triebe nach einem beschaulichen Leben folgend, entzieht sich der Mensch seinen Verhaltnißen u Geschäften, um seinen phantastischen Genüßen nachzuhängen und, da alles sinnliche miteinander verwandt ist, kommt es mit ihm nicht selten zu den rohesten Ausbrüchen viehischer Sinnlichkeit!! – Und dennoch möchte ich Wernern nicht einmahl so angreifen u richten, wie unser Freund; schon deswegen nicht, weil mit allen seinen Sünden verirrter Phantasie sein Wollen u sein Können das Wollen u Können von hundert verständigen Dichtern u Philosophen aufwiegt, die in ihrer übermüthigen Beschränktheit, in der sie das Ihnen Unerklärliche für das Unmögliche, das ihnen unbegreifliche auch für das Nichtige halten, nicht einmahl einer solchen Verirrung fähig u würdig sind. Ich hasse die Maulwürfe, die nur für den Koth der Endlichkeit Augen haben, mehr, als ich jene Halbverrükten beklage. Denn diese hatten doch was zu verlieren. Verzeyht, Lieber! das lange Seil, das ich gezogen; aber theils ist mir die Sache an sich wichtig, theils möchte ich sowohl von Euch, als von Truchseß gerade in dieser Hinsicht verstanden seyn Grüßt mir den Jungen u seinen Bruder. Bald schreibe ich dem erstern selbst. Will mich der Bube aber ganz närrisch vor Freuden machen, so schickt er mir (als Gegenstück, also in gleicher Größe, entgegengesezter Richtung pp) zum Ritter deßen Freund u meinen, nähmlich seinen herrlichen Vater d. h. Euch, dem der hohe Gott freundliche Blicke senden moge aus seinem blauen Aether.Lebt wohl, recht wohl, lieber Ernst.IhrFreund Wghm.

Zitierhinweis

Von Karl August Freiherr von Wangenheim an Johann Ernst Wagner. Stuttgart, 16. bis 18. Februar 1811, Sonnabend bis Montag. In: Digitale Edition der Briefe aus Jean Pauls Umfeld, bearbeitet von Selma Jahnke und Michael Rölcke (2020–). In: Jean Paul - Sämtliche Briefe digital. Herausgegeben im Auftrag der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften von Markus Bernauer, Norbert Miller und Frederike Neuber (2018–). URL: http://jeanpaul-edition.de/umfeldbriefbrief.html?num=JP-UB1093


Informationen zum Korpus | Erfassungsrichtlinien

XML/TEI-Dokument | XML-Schema

Textgrundlage

H: Faksimile Baumbachhaus Meiningen (ehemals Slg. König),
4 Bl., 8 S.


Korrespondenz

Von Johann Ernst Wagner am 6. März 1811 an den Truchseß von Wetzhausen weitergeschickt.