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Bettenburg den 2.ten Januar 1812.

Eure Briefe lieben Knaben! von 26.ten und 29.ten deß vorigen Monats erhielte ich beyde vorgestern, wo es mir unmöglich war, solche zu beantworten. Aber Gott konnte ich selbst beym Ueberhören Eurer Briefe auf das innigste und herzlichste für die Erhaltung Eures guten Vaters, und seine gemachsam fortschreitente Genäsung danken – Ihr müßt mit meinen spätern Dank schon vorlieb nehmen und Euren Vater sollt Ihr sagen: er möchte nun nicht blos hoffen, sondern Er sollte vertrauen. Auf Gott vertraut Er so, den Er wäre ja in der vertrauensten Liebe hinnüber gegangen –; aber auf Doctor Jahn sollte Er ganz vertrauen, da nach Euren Berichten zeither alles so in Erfüllung gieng, wie es der wackere Jahn vorher angegeben hatte. Auch zweifele ich nicht, daß mein lieber Ernst die Schmerzen welche der Gang der Krankheit mit sich bringt, in männlicher Geduld ertragen wird, aber gewinnen wird Er noch, wenn Er es über sich gewinnen kann, seinen körperlichen Kräften, die trotz seiner Lähmung doch noch bey Ihm vorhanden sind, und seinen noch nicht weit vorgerückten Alter etwas mehr zuvertrauen. Ferner sollt Ihr Ihm sagen: daß ich, als ich gestern Mittag das erste Glas eines trefflichen Weins dankend den abgewichenen Jahr geweiht hatte, worinnen auch mein lieber lieber Ernst öfter als sonst, und stets so liebevoll vor mir stand, das 2.te ganz volle Glas Ihm und dem Geist dort oben um Seegen und Gedeyen für Ihn zu erbitten, mit feuchten Augen weihte und leerte. Auch wird es Ihm nicht unlieb – – doch das unlieb verschluckt wieder und sagt Ihm blos: sein Truchseß habe nun seinen böslichen Chathar ganz hinter sich, doch wolle er bey der argen Kälte |2 noch einige Zeit das Haus hüten. Und Jahn könnt Ihr sagen, er könnte Pfropfreiser erhalten, was ich nemlich geben könnte, da meine Kirschenbäume im vorigen Iahr gar nicht getrieben hätten, nur soll er sich bald melden. Da Ihr Euch in den ersten Brief die Kinder Wagners unterschriebt , so war ich zufrieden, denn es galt in den Namen Eurer guten Schwester mit, nun will ich aber auch einen Gruß von ihr . Mir Bericht zuerstatten, konnte ich sie nicht auffordern, nicht weil es ein Mädchen ist, sondern weil den Mädchen und der guten Tochter die Pflege des kranken Vaters mehr obliegt, als Euch Knaben, und Ihr daher mehr Muse hattet mir zu schreiben, selbst trotz Euren Lehrstunden, und deßwegen Aaddressirte ich auch meine Briefe an Euch. Grüsst Eure wackere Mutter und auch die gute Antoine . Und so sey Gott mit Euch allen.

Euer
Truchsesz

Konitzen könnt Ihr gelegentlich sagen, ich möchte doch bald einmal wieder einen Brief von ihn erhalten.

Zitierhinweis

Von Christian Freiherr Truchseß von Wetzhausen an Carl und Anton Wagner. Bettenburg, 2. Januar 1812, Donnerstag In: Digitale Edition der Briefe aus Jean Pauls Umfeld, bearbeitet von Selma Jahnke und Michael Rölcke (2020–). In: Jean Paul - Sämtliche Briefe digital. Herausgegeben im Auftrag der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften von Markus Bernauer, Norbert Miller und Frederike Neuber (2018–). URL: http://jeanpaul-edition.de/brief.html?num=JP-UB1117


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