Edition Umfeldbriefe

Von Caroline Richter an Friedrich August I. von Sachsen. Bayreuth, 3. Februar 1826, Freitag

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Allerdurchlauchtigster, großmächtigster König, allergädigster König und Herr,

Dem gerechtesten und menschenfreundlichsten der Könige, welche Gott zu Stellvertretern seiner Macht und seiner Liebe auf die Throne der Erde gesetzet hat, wagt es die Wittwe eines geliebten deutschen Schriftstellers, welcher vor wenigen Monaten von der Erde zu Gott durch den Tod abgerufen worden ist , um eine Gnade anzuflehen. Jean Paul Friedrich Richter, ist der Name des Verewigten, dessen Gattin zu sein ich das Glück hatte. Wenn die Welt den Verlust seines Geistes betrauert, der ein halbes Jahrhundert hindurch für die Bildung und Veredlung der Menschheit mit großem Erfolge thätig war, so beweine ich mit meinen Kindern in ihm, den Verlust des edelsten Menschen, und man ist bei ihm zweifelhaft, ob sein moralischer Werth nicht noch den intellektuellen übertraf.

Es giebt nun jetzt für seine Hinterbliebenen keine heiligere Aufgabe, als durch Herausgabe seiner sämmtlichen Schriften ihm ein bleibendes Denkmal der Anerkennung für die deutsche Nation zu errichten. Noch bei seinem Leben wurde er vielfach zur Sammlung aller seiner Werke aufgefordert und er hatte noch Zeit, die Anordnung derselben trotz seiner Körperschwäche und den herannahenden Tod selbst zu machen. Allein er erlebte die Vollziehung seines Beschlusses nicht mehr, der Todesengel rief ihn in der Mitte seines schönen Werkes "über die Unsterblichkeit der Seele" ab, und führte ihn in das Land der Vergeltung.

Wir sind nun damit beschäftigt, das Werk zu seiner Ehre und zu seinem Ruhme auszuführen, sehen uns aber von allen Seiten durch Nachdrucker und unrechtmäßige Verleger seines und jetzt unseres heiligen Eigenthums bedroht und beeinträchtigt. Die Fürsten des südlichen Deutschlands, namentlich Bayern , Würtemberg und Baden haben uns für ihre Lande, wo der Nachdruck vorzüglich herrschte, Privilegien für die Herausgabe der Gesammtwerke, gleichwie dem Dichter Goethe, gegeben, allein, da neuerlich in den Königlich Sächsischen Staaten Ankündigungen aller Art von einzelnen Sammlungen geschehen, die man, ohne unsere Zustimmung will drucken lassen, so sehe ich mich genöthigt, Ew. Königlichen Majestät Gnade und Schutz dagegen anzurufen.

Die Werke meines verehrten seeligen Mannes, werden zu Ostern 1826 bei dem Buchhändler Georg Reimer in Leipzig unter dem Titel:

in 60 Bänden herauskommen. Diese Unternehmung, die nebst der Ehre für den verewigten Mann, welcher vierzig Jahre seines Lebens mit beispielloser Thätigkeit und Gewissenhaftigkeit für die Verbreitung der Wahrheit und des Rechst nur lebte und der keinen andern Genuß kannte, als über Gott und Unsterblichkeit nachzudenken, soll zugleich den Unterhalt und das Glück seiner Familie begründen, darum flehe ich zu Ew. Königlichen Majestät unnachahmlicher Menschenliebe und Gerechtigkeit, uns ein Privilegium gegen den Nachdruck der sämmtlichen Werke Jean Pauls, für einen Zeitraum von zwanzig Jahren in Ihren Königlichen Staaten allerhuldreichst angedeihen zu lassen.

Gott erhalte Eurer Königlichen Majestät theures verehrungswürdiges Leben bis auf den höchsten Punkt menschlicher Jahre, und lasse Sie mit göttlicher Milde und Nachsicht den verwegenen Schritt einer Unglücklichen verzeihen.

[...]

Zitierhinweis

Von Caroline Richter an Friedrich August I. von Sachsen. Bayreuth, 3. Februar 1826, Freitag In: Digitale Edition der Briefe aus Jean Pauls Umfeld, bearbeitet von Selma Jahnke und Michael Rölcke (2020–). In: Jean Paul - Sämtliche Briefe digital. Herausgegeben im Auftrag der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften von Markus Bernauer, Norbert Miller und Frederike Neuber (2018–). URL: http://jeanpaul-edition.de/brief.html?num=JP-UB1155


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Textgrundlage

D: Theodor Distel: Zum bayerischen und sächsischen Privilege für Jean Pauls Werke. Beiträge zur Geschichte des literarischen Eigentums, in: Euphorion. Zeitschrift für Literaturgeschichte, Bd. 3 (1896), S. 112-116, hier S. 112-113


Korrespondenz

Eingeschlossen in einen Brief Caroline Richters vom 3. Februar 1826 an Konstantin Karl von Falkenstein.