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Korrespondenz

Von Heinrich Voß an Johann Heinrich und Ernestine Voß sowie an Heinrich Boie. Heidelberg, 7. Juli 1817, Montag

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Heidelberg, d. 3 Jul. 1817.

Erst jezt schreib' ich wieder, denn seit meinem lezten Brief ist nichts vorgefallen, als der Tod des kleinsten Puterküchleins, seit gestern Mittag aber manches, und lauter erfreuliches. Erst ein Brief von de la Motte Fouque , aus dem ich folgendes aushebe: "Was lange währt, mein sehr geliebter Voß, wird nicht nur gut, sondern – wie Ihr Brief mir beweist – ganz ausnehmend erfreulich, erquickend, kurz alles, was in Freude von Herzen zu Herzen geht. Ich wüßte nicht, wo ich anfangen sollte, Ihnen dankend zu antworten, stünde nicht der verheißene Besuch Ihres theuren Vaters so ganz unbezweifelt obenan. Daß sollen mir einmal rechte stillheitere Sonntage werden, solche, auf die man noch immer wieder mit süßer Erlabung zurückschaut, und sich in manches spätere Dunkel Licht daraus hereinholt u. Lebenslust. Und Ihre liebe, liebe Mutter, die ich – allem Niegesehenhaben zum Troz – mir einbilde, schon von Angesicht zu kennen! Daß ich sie wenigstens mit Bestimmtheit aus andren Frauen herausfinden wollte, traue ich mir ganz zuversichtlich zu. Lieber Gott, wer mir das als Knabe, oder Jüngling gesagt hätte: der Sänger der Luise und seine Ernestine werden dich einst lieb haben und gar besuchen! ich danke Gott für so viele Freude, und bitte Gott mich deren würdig zu machen." An Truchseß, der mir seinen Brief mitgeschickt hat, schreibt Fouqué in gleichem Jubel, dies alles auf einem gemeinsamen Brief, den wir von der Bettenburg aus schrieben . Wer weiß aber, ob jezt, was damals beschlossen war, in Erfüllung gehn kann? Truchseß, der so herzlich schreibt, hat nicht die geringste Ahndung, daß die lieben Eltern nicht zu ihm kommen, er und die Wetzhäuser rechnen vielmehr mit der größten Bestimmtheit darauf, daß ich gar nicht der Überbringer einer so schlimmen Botschaft sein mag. Diese Briefe haben mich unbeschreiblich froh gemacht. Über die Shakspearübersezung schreibt Fouqué mit vieler Theilnahme "Was ist nicht allein noch für Romeo u. Julia zu thun, wo Schlegel sich in der Scene zwischen Romeo u. Lorenzo nur mit Alexandrinern zu helfen wußte! Er selbst war mit seiner ganzen Arbeit an diesem Stück vor mehr als zehn Jahren beiweitem nicht mehr zufrieden. – – – – Ganz absonderlich freue ich mich auf love's |2 labour lost. Es ist mir ein wahres Leiden gewesen, diesen Humor aller Humore, dieses Lachen über die ganze Welt, und über sich selbst mit, dies gutmütige Verhöhnen bloß menschlicher Vortreflichkeit und Klugheit nicht deutsch vorlesen zu können. Sie müßen nemlich wissen: Das Vorlesen, vorzüglich dramatischer Dichtungen, gehört bei mir zu den erquickendsten Genüssen, und ich könnte, wenn ich mich nicht schämte, den Leuten damit nachlaufen, wie schlechte Dichter mit ihrer eigenen werthgeschäzten Poesie. Nun Glückauf, vieledles Kleeblatt allzumal. Ich bin für mich und meinen lieben Vater Shakspear froh!" Gestern Mittag hatte aß ich bei Fries. Als ich um drei Uhr zurückkam, sezte ich mich gierig an meinen Shakspear, Heinrich den Vierten, dessen Fallstafscenen mich während der Arbeit fast ununterbrochen im Lachen erhalten; da kommt Julien herein: "ein armer Student sei da, der eine Unterstüzung begehre". Der arme Student kam herein, und klagte seine Noth. Ich denke, du bist verflucht alt für einen Studenten, und kucke ihn scharf an. Da fällt er mir um den Hals, und will mich mit Küssen ersticken. Jean Paul ists, der liebe, herrliche Jean Paul! Nein, so habe ich ihn mir nicht gedacht, so schlicht, so einfach, so Zutraun erweckend! Wir waren sogleich bekannt, als hätten wir uns seit Jahren gekannt. Und wie theilnehmend hat er sich nach den lieben Eltern erkundigt, besonders nach der Mutter! und wie begierig hascht er auf, was ich ihm von den Eltern erzähle. Er hat die Größe und den Wuchs vom Maurermeister Abel , dem er auch ähnelt, und erinnert auf eine wunderbare Weise an den Vollmacht Piehl, daß es mir manchmal rührend ist, ihn anzusehn. Ich wollte ihn noch zu Schwarz führen, und Abends in eine optische Vorstellung, die mir Fries gerühmt hatte, wo er viele Heidelberger finden würde. "Wenn Sie wollen", antwortete er, "gut, ja; aber viel lieber bliebe ich den Abend mit Ihnen allein, ein Stündchen ausgenommen, wo ich meiner Frau und den lieben Kindern schreiben, und den Fuhrmann abfertigen will." Das war mir eine große Freude. In unsern Garten hat er sich ganz verliebt. Er will oft herkommen, und in der Grotte lesen oder arbeiten, und wir haben ausgemacht, daß, wenn es vor 7 Uhr Abends ist, sich keiner um den andern bekümmere. Ich |3 hab' ihm versprochen, ein Krug Bier solte dann parat stehn. Das ist sein Lieblingsgetränk, aber er trinkts nicht im Unmaß, und Wein nicht einmal eine halbe Flasche des Tags, und gar nichts über dem Essen. Von Betrunkensein ist die Rede nicht. Die böse Welt trägt ihm ein paar begangene Thorheiten zu lange nach. Als ich ihn nach acht Uhr im Wirtshause aufsuchte, fand ich ihn beim Geldzählen. Er konnte sich in die großen Thaler nicht recht finden, ich ein wenig besser. Wir steckten unsere Weisheit zusammen, und legten unter vielem Lachen die Summe für den Fuhrmann zurecht. Der Kellner überschaute unser Werk, und fand, daß wir uns um 2 Kreuzer verzählt hatten. Dem Fuhrmann gab er statt fünf Gulden Trinkgeld ihrer zehn: "erstlich", sagte er, "weil du ein guter Kerl bist, zweitens, weil du arm bist, und ich auch zwar nicht viel habe, aber mehr als du, drittens, und das ists eben, damit du meiner Frau und meinen lieben Kindern all die schönen Sachen wiedersagst, die ich dir auf der Reise eingetrichtert habe." Und nun fing der Fuhrmann an sich in sein Lob zu ergießen, und schloß jede Periode mit: "[...]! solch ein Herr sein auf Erden nicht, als der Herr Legationsrath!" "und der da", fuhr Jean Paul dazwischen, auf mich deutend. Er ist mit einem Einspänner gekommen. Mit dem Wirt hat er sich auf den besten Fuß gesezt. Abends will er sich sein Käs' und Brot selbst halten, und schwarz Brot soll es sein. – Wie leid thut mirs, daß meine Eltern ihn nicht sehn, und der liebe Heinrich Boje, dem ich alles gute gönne, was mir wiederfährt, und wohl noch mehr als mir selbst. Heute bringe ich Jean Paul zu Schwarz, Hegel und Frau von Ende. Die übrigen, die er besuchen will, soll er allein besuchen, so haben wirs ausgemacht. Auf den Aristofanes ist er sehr begierig. Ich werde ihm einiges vorlesen, das meiste aber wird er selbst lesen, meine Anmerkungen zur Seite, unten in der Grotte, denn daß ich nichts aus dem Hause gäbe, und streng wachen würde, daß es nicht beschmuzt würde, sagte ich ihm gleich anfangs. Die Grotte habe ich ihm schon wöhnlich eingerichtet, u. die Bank mit dem Küssen belegt. Emilie [...] will auch Jean Paul bei sich haben, auch Krappfries [...] |4 auch Grim will ihn haben, und die Räthin Falk. Mich soll wundern, was die Studenten beginnen werden, wenn sie Jean Pauls Ankunft erfahren. Ich bin in der lezten Zeit fast bestürmt worden mit Nachfragungen, und dachte schon daran, irgend einen Magister mit tüchtigem Maulleder für Jean Paul einzuschwärzen, und mit diesem die Damen zu mystificiren. Ich erzählte ihm Richtern , eine geistreiche Wittwe mit zwei Töchtern hätte sehr gestrebt, ihn in Kost u Logis zu bekommen, mir wäre aber bange gewesen vor den elektrischen Schlägen, wenn Geist zu Geist u Wiz zu Wiz sich gesellt hätte. Da lachte er recht aus Herzensgrunde, u. lobte mich, daß ich ihn bei prosaischen Leuten einquartirt hätte. – Abendbesuche hab' ich noch keine gemacht, einen bei Hegels ausgenommen. Heinrich IV feßelt mich noch zu sehr. Jezt aber, u. wenn Welkers Vater kommt, wirds anders werden. Vor 7 Uhr aber kriegte mich doch keiner, außer des Sontags, und wenn wir nach Weinheim gehn . , was auch Sontags sein wird – Alles ist wohl, und alles grüßt; Hegel grüßt auch den jungen Overbeck angelegentlich. Ein Zufall brachte mich neulich an Jakobi zu schreiben. Ich brachte habe den Brief mit umständlichen Nachrichten von den Eltern gewürzt, u. er wird gewiß willkommen sein. Täglich erwarte ich nun Nachricht von den lieben Eltern. Emilie ist bange um die Mutter, weil noch kein Brief daist. Ich sagte, wäre schlimmes vorgefallen, so hätten wir bestimmt einen Brief; so sei es Ton bei uns. – Noch eins: Fouqué hat es herlich aufgenommen, daß Truchseß u ich ihm wegen seiner Pilger die Haut vollgescholten. Es wird aber nichts fruchten, er wird fortfahren, eben so viel Gutes als Schlechtes zu fördern; denn Kritik fehlt ihm ganz. – Wo ich grüßen soll, weiß ich nicht; denn ich weiß nicht, wo dieser Brief die Eltern findet. Aber Tante Boje, Frau v. Grävemeyer etc. und den lieben, einzigen Overbeck und die seinigen, die müssen vor allen gegrüßt sein. – Dir, lieber Heinrich, schreibe ich bald, und wohl noch was ganz apartes über Jean Paul, da Du ihn so lieb hast. Jean Paul ist nun die Puppe, womit wir Heidelberger spielen, und Du weißt wohl, Puppen lassen sich [...] wie mans haben will. Es wird nun auch etwas Wiz [...] angebracht werden, was in der theuren Zeit nicht schaden kann.

Heinrich

für Tante Boje etc. mitgeschrieben, wenn etwa die Eltern nicht mehr dasein sollten.

Zitierhinweis

Von Heinrich Voß an Johann Heinrich und Ernestine Voß sowie an Heinrich Boie. Heidelberg, 7. Juli 1817, Montag . In: Digitale Edition der Briefe aus Jean Pauls Umfeld, bearbeitet von Selma Jahnke und Michael Rölcke (2020–). In: Jean Paul - Sämtliche Briefe digital. Herausgegeben im Auftrag der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften von Markus Bernauer, Norbert Miller und Frederike Neuber (2018–). URL: http://jeanpaul-edition.de/umfeldbriefbrief.html?num=JP-UB1336


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Textgrundlage

H: Universitäts- und Landesbibliothek Münster, N. Bäte, 1,3
1 Dbl. 8°, 4 S.

Überlieferung

D: Jean-Paul-Jahrbuch, Bd. 1, 1925, S. 211-214

D: Ludwig Bäte, Kranz umd Jean Paul, Heidelberg 1925, S. 13-15 (Anfang fehlt)


Korrespondenz

Zur Datierung: Der Brief ist eindeutig auf den 3. Juli 1817 datiert, allerdings schreibt Voß, dass seit gestern "erfreuliches" passiert sei und Jean Paul "gestern" bei ihm ankam. Da Jean Paul am 6. Juli in Heidelberg eintraf, stammt der Brief vom darauffolgenden Tag.