Von Georg Christian Otto an Emanuel Osmund. Bayreuth, 18. Juni 1818, Donnerstag

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B. d. 18 Jun 1818. Morgens um 8½
in der Gartenlaube.

Guten Morgen, mein geliebter Emanuel! Ich freue mich, daß ich so bald und einen so angenehmen Anlaß finde, Ihnen in ihre neue Heimath zu schreiben. Ich wünsche von Herzen, daß Sie sich in dieser schon jetzo so ganz einheimisch, und in dem wohnlichen Haus so ganz häuslich finden und befinden möchten, daß Sie kaum mehr an Bayreuth denken. Ich wünsche, daß die große, wie die kleine, Kleine mit Ihnen auch in dieser Hinsicht ein Herz u eine Seele sein möchte, und grüße mit diesem Wunsch die liebe Flora.

Das beiliegende Brieflein , da ß s ich Ihnen nach Richters u meinem Willen u Wunsche mittheile, sagt Ihnen, daß sich unser lieber Reisender im fortdauernden Wohlergehen befindet . Dies besagt auch ein Brief an Karolina , der mit dem meinigen angekommen ist , den ich jedoch nicht gesehen habe. Er enthält auch ein Gedicht Jungs , der aus Mainz, den Richter aufzusuchen, gekommen ist. Daß mir S d es letztern Brief große Freude gemacht hat, können Sie leicht begreifen. Ich habe, wie ich ihn auch geschrieben, mich sogar über seinen Verlust der verlornen Arbeitstage gefreuet , weil man doch zuletzt in dieser Welt gar zu ängstlich wird, und man das göttliche Nichtsthun, oder einen müssigen (nicht anschaubaren Immerthun gewidmeten) Augenblick mit rechtem heiteren Frohsinn zu verleben ganz |2 verlernt.

Was aber unser Richter recht alles glaubt, wenn es ihm vornehme Leute sagen, daß z. B. der immer in der Nähe freundliche und schlaue und immer aus der Ferne und durch die zweite Hand strenge Hardenberg nicht der Fabrikant der Preuß. Kabinets-Ordren ; und daß der Bundestag bei seinen vertraulichen Besprechungen am glänzendsten sei, diese Kraft- u Glanzseiten aber noch verbergen müsse. In der Bibel heißt es: aus ihren Werken sollt|ihr sie erkennen . Denn W w as man uns armen Leuten (nach altem deutschen Sprachgebrauch sind arme Leute unterthänige Menschen u Leibeigene) von dieser Glanzseite vor der Hand hat in die Augen fallen lassen, wird wohl das ähnlich sein, womit wir nach der Hand werden geblendet werden. Es verräth Alles einen abgeschloßenen Ideenkreis, in dem man sich folgerecht genug zu verbergen u zu bewegen weiß.

Doch wozu diese Dinge?

Indem ich so unter meinem schattigen Baum sitze, u an Sie, u an Ihr Weiher, und an den Weg dahin denke, fällt mir ein, daß ich seit mehrern Jahren nicht auf der Phantasie waren; – und da mahlte ich mir gleich aus, wie ich einmal dahin gelangen, u wie wir uns einmal daselbst treffen u einander ohne sonderliche Umstände u Weitläuftigkeiten sehen u einige frohe Nachmittagstunden mit einander verleben könnten. Ich gienge nämlich des Morgens hin; und wenn Sie auch nicht vor 12 Uhr |3 nach einem frühzeitigen Mittagmahl von Weiher abführen: so könnten Sie um 2½ Uhr in der Phantasie (in Uhlfelders Stübchen sein, der gewiß Ja dazu sagen würde) sein, und wenn Sie sich um 6 Uhr wieder auf den Weg machten; so kämen Sie gerade zur rechten Gähn- und Schlafzeit wieder nach Hause u wir wären mehr als drei, hoffentlich frohe, Stunden beisammen gewesen. Uiberlegen Sie sich das und mahlen Sie sichs in Gedanken so ausführlich aus, als ich es gethan habe; und wenn dann auch nichts daraus wird: so haben wir doch beide gemeinschaftlich die Freude dieses Ausmahlens und die Lust an unserm Werke, an unserm ipse fecit, ipse pinxit gehabt. Es wird aber schon mehr, nämlich etwas in der Wirklichkeit daraus werden.

Nun genug für heute u fürs erste Mal! Lebt recht wohl u froh, Ihr lieben Leute.

Ewig
Dein

Otto.

Vergiß mich ja nicht, wenn Du irgend einmal meinen schwachen Beistand annehmen könntest!

Zitierhinweis

Von Georg Christian Otto an Emanuel Osmund. Bayreuth, 18. Juni 1818, Donnerstag. In: Digitale Edition der Briefe aus Jean Pauls Umfeld, bearbeitet von Selma Jahnke und Michael Rölcke (2020–). In: Jean Paul - Sämtliche Briefe digital. Herausgegeben im Auftrag der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften von Markus Bernauer, Norbert Miller und Frederike Neuber (2018–). URL: http://jeanpaul-edition.de/umfeldbriefbrief.html?num=JP-UB1348


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Textgrundlage

H: ehemals Slg. Apelt,
1 Dbl. 8°, 3 S.


Korrespondenz

A: Von Emanuel Osmund an Georg Christian Otto. Weiher, 25. Juni 1818

Präsentat S. 1, aoR: am 21 halb beantw. u Richters Brief an mich geschickt | 25 halb —