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Wien 16. Junius 04

Aus vollem Herzen und freier Seele, sogar mit frischer Tinte und Festtagsfeder schreib ich heute Dir Emanuel und vernichte so, glaub' ich, beßer als auf die beste andere Art, unzählige geringerwerthige Briefe die man Dir neuerer Zeiten geschrieben, mit meiner Hand.


Gestört.

An Nachrichten bekommst Du zwar noch wenig nahrhaftes – etwa über mein balder kommen – bloß daß ich heute über 8 Tage gewiß unterweges bin (u. zwar sobald noch eine Entscheidung dafür einkommt) auf dem geraden nach Karlsbad – und daß ich Dich bitte mir besonders der Coburgischen Anlangen zu notifiziren. Durch die beliebte poste restante zu Carlsbad, den Brief aber ja zu kopiren |2 item mir zu sagen ob Du wirklich mir nach Regensburg entgegen gegangen (und mir etwa begegnet), wovon ich über die Möglichkeit neulich ein so närrisches Angstgeschrei erhoben; als wäre sonst nichts Mühelohnendes in Regensburg zu suchen und auch zu finden.

– Wo magst Du jetzt sitzen, Lieber?

– Was ich im letzten Schreiben über meinen Versprechungs-leichtsinn (bei Haltungsfestigkeit) über Lebensgenuß-lokung und Freundschafts-zwang und was weiß ich in der Post-Angst geäußert, hat dennoch seinen sichern Grund.Ich will versuchen mich obgleich in gleicher Eil, ausführlicher darüber auszulaßen.

Nicht einmal dem wahren Leben und Seyn, das in der Freundschaft und in der Muße zu haben ist, möcht' ich irgend ein aufgegebenes oder vorgesetztes Thun, [...] d. i. e. Selbstauftrag, nachgesetzt wissen |3 denn sonst wäre der Selbstmord erlaubt 1, und ich kann die Hausfrauen nicht mehr darüber anfahren, worüber ich gelegentlich noch aus der Haut fahre, die mit einem Befehl an die Magd die intereßanteste Lektüre unterbrechen.

Was nun meine Geschäfte anbelangt, so kann es freilich seyn, daß diese Reise nach Carlsbad mir ganz u gar nicht so Noth thut wie ich es voraussetze – aber um keinen Schritt (z. B. um ein Empfehlungsschreiben) umsonst gethan zu haben, mach' ich gar zu gern etliche Meilen vergebens, und keine Sache macht mich so zum Verschwender wie die leidige Oekonomie.

|4 Es ist dieses gewißermaßen der Charakter des Schwächlings, aber meiner nichtsdestoweniger gewißermaßen.

Die Regensburger 1 grüße sehr.

So neugierig, als Du bist wie wenn u. wo (nicht, ob!) ich komme, bin ich ebenfalls und altgierig obendrein auf meinen Alten.

Jetzt muß ich zu Crescentini.

Emanuel

Dein verdammter
sakramentischer
einfältigster
lieber Thieriot

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1Dabei kommt mir der Einfall, von dem Du ebenfalls sehen magst wie er hieher paßt: Das Leben ist oft Commißbrot aber immer ein FideicommißDas unveräußerliche und unteilbare Vermögen einer Familie..
2Schick ihnen die ConzeptkarteIn der Kartographie eine für eine Geländearbeit erstellte Karte, welche die für den Kartierenden wichtigsten Vorinformationen enthält..
Zitierhinweis

Von Paul Emile Thieriot an Emanuel. Wien, 16. Juni 1804, Sonnabend. In: Digitale Edition der Briefe aus Jean Pauls Umfeld, bearbeitet von Selma Jahnke und Michael Rölcke (2020–). In: Jean Paul - Sämtliche Briefe digital. Herausgegeben im Auftrag der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften von Markus Bernauer, Norbert Miller und Frederike Neuber (2018–). URL: http://jeanpaul-edition.de/umfeldbriefbrief.html?num=JP-UB1545


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Textgrundlage

H: ehemals Slg. Apelt,
1 Dbl. 8°, 4 S.

Überlieferung

h: BJK, Berlin V, 138
Briefkopierbuch der Briefe Thieriots an Emanuel, H. 1, S. [34]–[35] (unvollständig, ungenau).


Korrespondenz

A: Von Emanuel an Paul Emile Thieriot. Regensburg und Bayreuth, 23. und 30. Juni 1804

Präsentat: 30ten beantw.