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Bayreuth, 27 Nov. 1804.

Mein Thieriot! Schaff Du Dir einen Esel und einen Narren wo Du willst, der Dich für beides hält; ich bin Gottlob! Dir keines von beiden.

Man braucht nur keines von beiden zu seyn und nur Dich – Dir ins Gesicht – zu sehen, um zu wissen, daß Du – im Grunde – nichts von beiden bist.

Du thust nur oft so – und hältst die Leute gerne dafür.

Freilich wärst Du bei mir und ich mit Dir gut daran, wenn etwas mehr daran wäre und Du mehr Recht hättest; denn was könnte ich hernach verlangen?

Aber laß gut seyn, Thieriot, sei nur mein Geplagter, mit mir, ich will – wenn nicht alles vergebens gewesen – doch nicht immer Deiner, mit Dir, bleiben, um so weniger, da |2 ich es jezt so wenig bin, daß ich es erst werden müßte, um es zu bleiben.

So spaßhaft Dir das alles auch vorkommen mag, so ernstlich ist auf oft meine Sehnsucht nach Dir, um Plager und Geplagter zu seyn.

Daß ich Dich und meinen guten Bruder nicht sehen kann, das thut mir oft zu leid.

Er ist wohl und grüßt Dich.

Auch die Jette grüßt Dich und läßt Dir lange sagen, daß Fritz bei Emanuel Müller und dessen Komptoir dem Taxischen Pallast gegen über sei.

Ich möchte wohl auch ein wenig mit Euch über Eure tiefsten Sachen stottern.

Es ist mir sehr lieb, daß die Schwester das Geistigste faßt.

Ich habe Dir die ganze Familie – mit Ausnahme des jüngsten Gliedes derselben, geküßt.

Es sind Dir herrliche Menschen, die Richters.Doch Du kennst sie ja.

|3 Vorgestern hat mir der Richter die Erlaubnis gegeben, ein mal ein Wort in sein Haushalten reden zu dürfen – bei welcher Gelegenheit er Eines mit mir gesprochen – über Eines – weil er meinte, er hätte deren schon zu viele und nicht mit dem Erfolg gesprochen, den er sich von mir, als Freund erwarte.

Er meint nämlich ein Ehemann könnte in seinem eignen Hause wenig durchsetzen.

Eine hiesige Dame gab einer andern, die zu Thümeln reiste, den Auftrag, ihm (es waren damals 2 Thle seiner Reise ins Mittägliche Frankreich heraus) die Hand zu küssen.

"Sie soll sich nicht übereilen" sagte Thümel, als die Dame sich ihres Auftrags entledigen wollte, "es könnte sie leicht in der Zukunft reuen."

Diese Anecdote fällt mir immer ein, wenn ich unsern Richter jezt über Ehe, Weiber p reden höre und muß mir einfallen, weil er bald darüber schreiben will.

Der liebe Gott sei den armen Weibern gnädig!

Schreib Du ihm nur, dann wird er schon |4 schreiben.Das Kindlein hat noch keinen Namen.Richter hat einen prächtigen Brandbrief für einige arme Leute, die vor 12 Tagen bei uns, durch eine kleine Feuersbrunst Schaden hatten, in der Stadt herum geschickt und 167 f. zusammen gebracht.Als der Brief zu mir kam, schrieb ich – weil ich mich nicht nennen wollte, blos "Ich" vor meine Beisteuer, das mißfiel ihm und darüber nahm er mich – wie Du eben schon gelesen – coram.

Das Kamisölchen hat Richter längst wieder zurück gefordert und auch ein Paar Winter socken , die ich selbst v. meinem Heinrich wieder zurückfordern mußte, weil ich sie ihm, für seine Mühe, mir sie zu bringen, erlassen hatte.

Natürlich gefiel mir Deiner Schwester Brief. Wir haben als wir nach St Johannis gingen erst davon gesprochen.Alles liebt Dich, und Alles grüßt Dich.

Ich brauche nur ersteres und gebrauche es immerdar.

Emanuel

Zitierhinweis

Von Emanuel an Paul Emile Thieriot. Bayreuth, 27. November 1804, Dienstag. In: Digitale Edition der Briefe aus Jean Pauls Umfeld, bearbeitet von Selma Jahnke und Michael Rölcke (2020–). In: Jean Paul - Sämtliche Briefe digital. Herausgegeben im Auftrag der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften von Markus Bernauer, Norbert Miller und Frederike Neuber (2018–). URL: http://jeanpaul-edition.de/umfeldbriefbrief.html?num=JP-UB1563


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Textgrundlage

H: BJK, Berlin V, 138
1 Dbl. 8°, 4 S.

Überlieferung

D: Abend-Zeitung, Nr. 5, 6. Januar 1843, Sp. 38–39 (stark gekürzt).

D: Persönlichkeit, S. 91, Nr. 1


Korrespondenz

B: Paul Emile Thieriot an Emanuel. Offenbach, 9. bis 17. November 1804