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Heidelb. d. 28 Jul.

Martens bietet mir gefällig einen Plaz in seinem Brief an, und ich kann bei der Gelegenheit sagen, daß ich gesund bin, und einige Nachmittagsstunden abgerechnet, die dem lieben Jean Paul gehören, sehr arbeitsfroh. Auch im Hause steht alles wohl. Aber Julianens Mutter ist sehr krank. Ich lasse für sie thun, was du, liebe Mutter, würdest getan haben, und gebe ihr auch etwas Wein. Gestern waren wir in Weinheim, zwei Wagen voll. Mamsell Paulus, u. Frau Hegel hatte ich eingeladen. Jean Paul hatte aber bald gemerkt, daß Mutter u Vater Paulus auch gern dabei wären. Da ward also noch ein Wagen hinzugekommen, in welchen auch Schwarz u. seine Tochter einstiegen. Den Nachmittag kam Hegel mit den Kindern nach. Bei Grimm fühstückten wir, bei der Frau Räthin aßen wir zu Mittag, erst gegen 9 Uhr dachten wir an die Heimfahrt. Alles vereinigte sich, den Tag zu einem wahren Festtag zu machen; und Jean Paul war so liebenswürdig wie je. Er ist ein seltner Mann. Sein hoher Geist, sein feuriger Wiz wird geadelt durch eine wahrhaft vollendete Rechtlichkeit und Biederkeit. Der Mensch ist viel mehr werth, als seine Schriften. Den Frauen stielt er überall das Herz, und ich begreife das einigermaßen; uns Männern stielt er es auch, was ich auch begreife. Wer ihn recht kennen will, muß ihn unter vier Augen sprechen, und recht lange sprechen, und zwar über Einen und denselben Gegenstand. Es ist eine wahre Wonne, ihn zu sehn, wann sein Herz in Bewegung gesezt ist, wie z. B. am Abende des Studentenfackelzugs, und am Tage der Doktorpromotion. Das hätte ich mir nicht träumen lassen, als ich in Eutin das erste von ihm las, die Neujahrsnacht eines Unglücklichen, daß ich einmal sein Promoter legitime constitutus sein würde! Viele denken sich Jean Paul als ein feines ätherisches, nervenschwächliches Gewächs. Nichts von dem: er ist ein derber, vierschrötiger Kartoffelmann; blos sein Auge, und ein gar freundliches Lächeln verrathen den wundersamen Geist. Ich könnte den Eltern viele Lustigkeiten erzählen, die unter seinen Verehrern und Verehrerinnen vorfallen, wie z. B. geraubte Stecknadeln, die er getragen, und die als Reliquie bewahrt werden; doch das einmal mündlich. Wenn ich ihm eine Haarlocke abschnitte, zehn Carolinen sollte sie mir eintragen. Tiedemanns sind alle gesund. Gerüchte von Aushebung der Universität spuken schon wieder; keine glaubt daran. Brockhaus ist überaus eifrig. Die Lettern werden schon gegossen; das beste Papier schaft er an. So ists recht. Fröbel sezt eine Ehre darin, den Druck fehlerfrei zu besorgen. Die Canarienvögel haben das zweite mal vergebens gebrütet; jezt sizt das grüne Weibchen auf drei Eiern, und ihr brauner Gemahl sizt beständig neben ihr, und brütet mit. Jean Paul hatte große Freude daran, und Lust, mir das Männchen abzubetteln. Aber das kriegt er nicht, wie gut ich ihm auch bin. Die Vögel des Aristofanes habe ich dem lieb Mann bereits vorgelesen, nun gehts an die Lysistrata, zu der er heute erscheinen wird. Grimm ist heut Morgen gekommen, um ihn noch einmal zu sehen; denn Morgen geht Grimm nach Wiesbaden und Elverfeldt. – Mein Universitätsfreund von der kam heute unvermutet, |2 aber der leztre ist mir lieber als der erstre, dem ich nicht traue, und nie traute. Beide kommen von Rom. Niebuhr verderbt sich die Augen durch sein ewiges Manuscriptenwühlen. Das ist traurig. Sonst ist er gesund, und voll Vaterfreude. Nun lebt wohl, liebe Eltern und Geschwister, und denkt dessen, der troz meinem Jean Paul, gern bei euch wäre, am liebsten mit ihm, dem herzlich Theilnehmenden.

Euer

Heinrich.

Zitierhinweis

Von Heinrich Voß an Johann Heinrich, Ernestine und Wilhelm Voß. Heidelberg, 28. Juli 1817, Montag. In: Digitale Edition der Briefe aus Jean Pauls Umfeld, bearbeitet von Selma Jahnke und Michael Rölcke (2020–). In: Jean Paul - Sämtliche Briefe digital. Herausgegeben im Auftrag der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften von Markus Bernauer, Norbert Miller und Frederike Neuber (2018–). URL: http://jeanpaul-edition.de/umfeldbriefbrief.html?num=JP-UB1685


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Textgrundlage

H: Universitäts- und Landesbibliothek Münster, N. Bäte, 1,13
1 Bl. 4°, 1⅙ S. Auf S. 2 in der Mitte Adr.: Herrn Doctor Wilhelm Voß | zu | Eutin.

Überlieferung

D: Bäte, Kranz um Jean Paul, S. 27-29 (unvollständig).


Korrespondenz

Mit einem Brief von Otto Johann Daniel Martens nach Eutin mitgeschickt.