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Heidelberg. Im Anfange des August 1817.

Sonntag vor vier Wochen , als ich Abends um 7 Uhr, bis auf's Hemd entkleidet, heiß am Shakspeare arbeite, und so recht in froher und wonniger Begeisterung bin, tritt ein armer Student zu mir. Seine Casse sey ausgegangen, sie müsse angefrischt werden. Ich, schnell in die Tasche fahrend, denke bei mir: für einen Studenten siehst Du etwas alt aus. Da blitzt mir ein wunderschönes Auge entgegen und die edelsten Züge entfalten sich, während er in wohlgewählten, aber höchste einfachen Worten weiter spricht. Wie ich voll Erstaunen dastehe, fällt mir der Teufelsstudent um den Hals und küßt mich, als ob er mich erdrücken wollte. "Jean Paul!" rief ich, und er war's, der heiß und lang ersehnte Jean Paul. – O, wie soll ich es anfangen, Ihnen den Mann auch nur einigermaaßen zu schildern! – Von Wuchs und Leibesgestalt ist er ungefähr wie Leopold Stolberg, doch etwas größer und stärker; von Gesicht nicht so regelmäßig schön, aber bei Weitem ausdrucksvoller durch eine hohe, gewölbte Stirn, durch ein helles Auge, das Gott nur in der höchsten Begeisterung schaffen konnte, durch ein wahrhaft holdseliges Lächeln, um das ihn der seligste Engel beneiden könnte. Ich konnte gar nicht satt werden, ihn anzusehen, ihm die Hand zu drücken, ihn zu küssen. Denn mein innigster Wunsch war jetzt erfüllt: ich hatte ihn nun, den Herzensmann, den ich seit zwanzig Jahren verehre, mit dem ich schon mehrere Jahre hindurch in Briefwechsel stehe , ich sah, ich fühlte nun, daß er im Leben ganz das sey, was die schönsten Worte von ihm vermuthen lassen, z. B. die Neujahrsnacht eines Unglücklichen. Wir setzten uns zu einem einfachen Mahle. Denn Besuche machen wollte er den Abend keine, da er, eben aus dem Baireuther Einspänner gestiegen, etwas müde war. "Nur eine halbe Stunde," sagte er, "muß ich heut‘ noch für mich haben, um meiner lieben Frau und den süßen Kindern Nachricht von mir zu geben ." Ich ging nun am Neckar spazieren, während er seinen Brief schrieb, und wahrlich mit dankbarem Gefühle gegen die Vorsehung, daß sie mich einem solchen Manne entgegengeführt hatte. Mein einziger Kummer war, daß ich all dies Herrliche, was mir nun bevorstand, für mich, bloß für mich genießen sollte, nicht in Gesellschaft meiner Aeltern und besonders meiner lieben Mutter, die noch am letzten Abende ihres Hierseyns zu mir sagte: "Gieb nur Acht, kaum bin ich fort, so kommt der herrliche Mann und ich bin um ihn geprellt."

Als ich zurückkam, fand ich ihn Geld zählend, um dem Fuhrmann zu zahlen, der ihn mit einem Einspänner hergebracht hatte. Er konnte nicht damit fertig werden. Ich meinte, ich verstände es desto besser, und wir steckten unsere Weisheit zusammen, und zählten und rechneten, daß es eine Art hatte. Aber, lieber Gott, wie wurden wir beschämt! Als wir fertig waren, kam der Kellner und überschaute unser Werk. Da fand sich's, daß wir uns um 48 Kreuzer verzählt hatten. Zum Fuhrmann, dem er vier Gulden Trinkgelder versprochen hatte, sagte er: "Da gebe ich Dir acht Gulden; erstlich weil Du ein braver Kerl bist; zweitens weil Du ein armer Teufel bist, ich zwar auch nicht vollauf habe, aber doch mehr als Du; drittens weil ich Dir unterwegs hunderttausend schöne Sachen vorgesagt, und immer von Neuem, die Du meiner lieben Frau und den Kindern wiedersagen sollst u. s. w." – Nun fing der Kerl an, den lieben Mann recht fuhrmannsmäßig zu loben: "Was das vor ein Mann sey, was der Einem zu Assen gebe, und zu Trinken, fünfterlei Schnaps den ersten Tag, und ich ward ganz neblicht davon." – "Ja, wer konnt‘ auch denken," fuhr Jean Paul dazwischen, "daß ein Kerl, im Thüringerwalde erzogen, der unter den Russen gedient, und mit ihnen, wer weiß wie viel Scheidewasser gesoffen, eine solche Schnapsmemme seyn würde. Nachher hielt ich ihn desto knapper." – Unterdeß schwazte der Kerl immerfort und schloß jede Periode mit: "Ne, nenen solchen giebts auf Arden nicht, wie den da." – "Und den da," fuhr, auf mich weisend, Jean Paul von Neuem dazwischen, und begleitete das Alles mit so verwünschten Mienen und Gebehrden, daß ich gar nicht aus dem Lachen herauskam. Noch zwei Stunden blieb ich den Abend bei ihm, dem theuren Manne, und wir kamen so recht in ein herzliches Gespräch. Mir trat manchmal eine Thräne in's Auge, nicht etwa über einen rührenden oder gar herzbrechenden Gedanken, den er vorbrachte, – denn Jean Paul ist ganz frei von Kotzebue'scher Sentimentalität –, sondern, wenn mich die innere, die geistige Schönheit seines Wortes traf. Jean Paul ist wunderbar organisirt. Jedes gesprochene Wort scheint einen Gedanken in ihm zu wecken, der sich in seinem seelenvollen Gespräche bald als Gefühl äußert; bald als Idee, bald auch nur als ein "harmloses Wetterleuchten" (ein Wort Shakespeare's) in witzigen Einfällen hervorbricht und dann verschwindet. Er ist wundersam reich, gewiß der reichste von den jetzt Lebenden; denn er muß seine Phantasie zügeln, wenn er schreibt, nicht, wie unser eins, die besten Augenblicke der Weihe erhaschen. Seine Weihestunde ist eine ewige, und da er keinen Launen unterworfen ist, so ist er der ewig Glückliche und ewig Beglückende. Denken Sie des sinnreichen Mährchen's in der tausend und einen Nacht, von dem goldgelben Wasser. Ein einziger Tropfen davon in ein Becken geschüttet, wallt und wogt, wie ein bewegliches Meer und sendet in unermeßlicher Fülle goldene Strahlen empor, die, vom Sonnenschein durchglüht, immer zurückprallen, ohne daß das Becken überfließt. So ist Jean Paul's Genius. Ich begreife gar nicht, wie der einschlafen kann, – so wie ich ihn auch nie müde sah, selbst dann nicht, wenn wir nach ächter Burschenmanier halbe Nächte durchschwärmten; – wohl aber begreif‘ ich's wie seine Träume auch zur Poesie werden müssen. Dazu kommt, daß er das Bild der vollkommensten Gesundheit ist. Nichts Angespanntes, Reizbares ist in ihm. Das war nur in früheren Jahren; aber seit seinem 40. Jahre (er ist gegenwärtig 53) hat er alle Reste von Schwächlichkeit verbannt, und hat sich auch eine körperliche Riesenkraft beigelegt.

Mit wahrem Stolze führte ich den folgenden Tag den Herzensmann erst meinen liebsten Collegen zu und so nach und nach den übrigen; mit Stolz, sag' ich, denn ich wußte, wo wir hinkämen, würden die Gesichter und Herzen froh seyn. Den dritten Abend gab ich einen ungeheuren Punschsatz, wozu ich zwanzig Personen eingeladen und beinahe ein halbes Kalb in Contribution gesetzt hatte. Das war ein froher Abend – ich wollte, Sie wären dabei gewesen, – vier Bowlen wurden geleert. Alle saßen um einen langen Tisch; nur ich nicht. Ich wanderte flink umher, um zu sehen, ob auch die Gläser voll süßes Weines wären. Und wenn mich Jemand rief, so antwortete ich: "Gleich, gleich, Herr!" – denn daß man's so machen muß, weiß ich aus Shakspeare's Heinrich IV., dessen Küfer und Kellner ich so eben aus dem Englischen ins Deutsche vertire . Als zehn Flaschen getrunken waren, dachte ich, Solonischer und Sophokleischer Sprüche eingedenk: nun keinen Tropfen mehr! – die Tische wurden auseinandergestellt, die Pfeifen gestopft und die erste Bowle dampfte und verdampfte, – die folgenden desgleichen. Es war ein seliger Abend, und einige von uns, die weder das medice noch das modice beobachteten, waren grundselig, namentlich Hegel und Schwarz, Daub und mein lieber Jean Paul, der aber Viel vertragen kann, ohne Nachwehen zu verspüren. Ich hielt mich sehr nüchtern, d. h. körperlich; denn geistig war ich noch mehr trunken von Freude, als mancher meiner Collegen vom Punsche. Den Abend machte ich mit meinen Specialcollegen etwas aus, wovon Sie nachher hören sollen. – Am Abende darauf brachten die Studenten dem theuren Mann ein Hoch. – Ich war mit Schwarz bei Jean Paul, als die Nacht schon anfing, sehr überhand zu nehmen. Da erhellte sich mit einmal der Himmel über der Neckarbrücke und wir hörten das Rauschen vieler Fußtritte. "Was ist das?" rief Jean Paul. – "Studenten," sagt‘ ich, "die Ihnen bezeugen wollen, was sie fühlen." – Da fing ein entsetzlich lautes Hoch an sich hören zu lassen. In der innersten Bewegung stürzte Jean Paul hinunter. Auf der Treppe empfingen ihn vier Deputirte, deren Einer eine schöne Rede hielt , während draußen ein "Heil, unserm Richter Heil!" nach God save etc. gesungen ward. Als das Lied zu Ende war, fing Jean Paul an zu sprechen. Was er sagte, konnte ich, der oben geblieben war, nicht verstehen, aber es soll wunderherrlich gewesen seyn. Er schloß mit dem Ausrufe: "Gebt mir Eure Hände, Ihr lieben, kräftigen Jünglinge." Es war ein herrlicher Anblick, wie sich Alles um ihn drängte, die theure Hand zu erfassen, und wie der lauteste Jubel erscholl. Als er zurückkam, konnte er vor Freuden nicht sprechen; aber sein Auge sprach desto feuriger. Er umarmte uns und drückte uns unzählige Male die Hand, und schien sich so des Uebermaaßes von Gefühl entladen zu wollen. Ein Kind, das zum ersten Male eine Weihnachtsbescheerung empfängt, kann nicht seeliger, nicht wonnetrunkener seyn. "Man will mich mit Liebe ersticken," mehr vernahm ich den Abend nicht von ihm.

Als ich den andern Morgen vor 6 Uhr zu ihm kam, fand ich ihn noch halb schlafend. Ich fuhr ihm mit der Hand über's Gesicht. Da schlug er sein Auge auf, und noch war er voll von der Ehrenbezeugung, die sich die ganze Nacht durch in lieblichen Träumen fortgesponnen hatte. Es war eine Fahrt auf dem Neckar veranstaltet, an der 80–90 Personen, Männer und Frauen, Theil nehmen sollten. Die Männer hatten für Wein gesorgt, für Speisen die Frauen. Um 5 Uhr meinen lieben Jean Paul auf den Neckar zu bringen, ihn, der so gerne bis 6 Uhr schläft, schien mir grausam. Ich überraschte ihn daher mit der Nachricht, daß ich einen Wagen gezins't hätte, der uns ins nächste Städtchen, drei Stunden von hier, bringen sollte; dort wollten wir frühstücken, bis die Anderen nachkämen. Mit dem Ankleiden war er bald fertig. Als wir in den Wagen stiegen, siehe da, – eine neue Ueberraschung! Hegel saß darin und seine liebe Frau, eine halbe Landsmännin von Jean Paul, und ebenso verliebt in ihn, als er in sie; – in Ehren versteht sich. Wir waren in Neckargemünd wohl schon zwei Stunden gewesen und seelenvergnügt, als das Schiff nachkam. Es war ein herrlicher Anblick, die gemischte Reihe von Herren und Frauen und Kindern. Auch zwei Prinzen waren dabei, die hier studiren, der Exkronprinz von Schweden und der Prinz von Waldeck, liebe junge Leute, denen ich es herzlich gönnte, daß sie einmal menschlich froh seyn sollten unter Menschen. Jean Paul ward mit Ehrerbietung und sichtbarer Freude empfangen, und es kam ebenso sichtbar neues Leben durch ihn in die Gesellschaft. Um 12 Uhr landeten wir an einer schönen Wiese. Nun ward ein unermeßlicher Vorrath von Speisen ausgekramt, und eine Ueberfülle von Wein, recht, als wenn es ein Roman wäre, den wir spielten und der liebe Herrgott läse. Beim Essen sagte Jean Paul zu mir: "Voß, ich habe Dich so gar herzlich lieb; nur ein Einziges stört noch zwischen uns, das steife Sie, das geradezu uns beiden nicht passen will. Hier in diesem Kusse empfange mein ganzes Bruderherz!" – Ach, das war ein seliger Augenblick. Ich fühlte, es dürfte nicht anders seyn; ich hatte das bei mir schon gewünscht, aber nichts hätte mich vermocht, ihm den Antrag zu thun. So bin ich denn nun des theuren Mannes Bruder; aber das schadet meiner tiefen Ehrfurcht gegen ihn nicht das Mindeste. Nie soll es mich übermüthig machen. Im Gegentheile, nie fühle ich mich mehr zur Demuth gestimmt, als in dieses Mannes Gegenwart; und so soll es bleiben. Zugleich aber fühle ich mich gehoben und gestärkt durch den Herrlichen, und bei Gott! das soll Einfluß haben auf meine künftigen Arbeiten. Jean Paul hat mehrere meiner ungedruckten Uebersetzungen genau mit dem Originale verglichen, auch eine von Abraham, und mir vortreffliche Bemerkungen mündlich und schriftlich mitgetheilt, die großen Einfluß auf unser Werk haben werden. – Die Schifffahrt dauerte bis 9 Uhr Abends, dann ging Jeder vergnügt nach Hause.

Den Tag darauf berief ich, als diesjähriger Dekan, eine Fakultätssitzung, in der ausgemacht wurde, Jean Paul solle zum Doctor creirt werden. Noch denselbigen Abend brachte ich folgende Worte in die Druckerei, die ich schon den Morgen aufgesetzt hatte:

Quod. Felix. Faustumgue. Esse. Jubeat. Supremum. Numen.
Sub. Auspiciis. Augustissimi. etc.
Prorectore etc. etc.
Nos. Decanus. Senior. Reliquique. Professores.
Ordinis. Philosophorum.
In. Academia. Ruperto, Carol.
In. Virum. Clarissimum. Nobilissimum. Generosissimum.
Joannem. Paulum. Friedericum. Richter, Curio-Variscum.
Serenissimo. Hilperhusano. Duci. A. Legationum. Consiliis.
Poetam. Immortalem. Lumen. Et. Ornamentum. Saeculi.
Decus. Virtutum. Principem. Ingenii. Doctrinae. Sapientiae.
Germanorum. Libertatis. Assertorem. Acerrimum.
Debellatorem. Fortissimum. Pravitatis. Mediocritatis. Superbiae.
Virum. Qualem. Non. Candidiorem. Terra. Tulit.
Ut. Dotibus. Ejus. Omni. Concentu. Consensuque. Laudis. Nostrae. Sublimioribus.
Tribueremus. Amorem. Pietatem. Reverentiam.
Doctoris. Philosophiae. Et. Liberalium. Artium. Magistri.
Nomen. Privilegia. Et. Jura.
Rite. Honorisque. Causa
Contulimus.
Collataque. Hoc. Diplomate. Sigillo. Ordinis. Nostri. Munito. Promulgavimus.
Heidelb. die XVIII. Mensis. Jul. MDCCCXVII.

Das Diplom, das bei den Studenten großen Jubel erregt hat, weil es ihren Ausruf an Jean Paul mit enthält, und zwar ziemlich treu übersetzt, stack schon den andern Morgen um 10 Uhr, zierlich auf Pergament gedruckt, in einer saffianen Kapsel. Da ich es für unschicklich hielt, ihm selber meine laudes in den Bart zu werfen, hatte ich Creuzer und Hegel beauftragt, es ihm zu überreichen, was noch vor Mittag geschah . Als ich zur gewohnten Stunde, halb 1 Uhr, ihn zu besuchen kam, fand ich ihn noch ganz selig. "Alter, Alter" (das ist sein Schmeichelausdruck), rief er mir mit seiner unsäglich freundlichen und melodischen Stimme entgegen und dem Gesichte voll Liebe, "was habt Ihr da gemacht? – soll ich denn ganz und gar erdrückt werden mit Freude?" Seitdem hört er nichts lieber als sich Doctor nennen. Creuzer gab den Abend einen fidelen Doctorschmaus , wo es wahrhaft burschikos zuging. Des neuen Doctors Gesundheit ward ellenhoch und klaftertief getrunken, auch meine, des Promotor's, wobei ich denn Jean Paulen, der so gern vom Magnetismus redet, bewies, auch unsere Facultät verstehe zu magnetisieren, sintemalen eine Kraft von uns ausgegangen, und in ihn übergegangen. – Vor 14 Jahren hätte ich Gelegenheit gehabt, Jean Paul in Weimar zu sehen, aber ich hatte nicht das Herz hinzugehen. Wenn mir damals Einer magnetisch oder prophetisch vorhergesagt hätte, ich sollte dereinst dieses Mannes Bruder und promoter legitime constitutus seyn, wahrlich, ich hätte ihn ausgelacht, sowie Jean Paul mich auslachte, daß ich ihn nicht hätte besuchen wollen, und doch, von meinem Standpunkte aus, es nicht tadeln konnte. Denn von jeher ist mir höchst gleichgültig gewesen, was mir Freundliches bloß meines Vaters wegen geschah; und Ansprüche auf eigenes Verdienst habe ich, ehe ich in Weimar angestellt wurde, auch gar nicht gehabt. Seitdem ist freilich auch Selbstgefühl und Selbstbewußtseyn in mich gekommen, wie jeder Ehrenmann es haben muß.

Was ich an meinem Jean Paul so liebe, ist seine moralische Kraft, die hohe Sittlichkeit in ihm, die alle seine sonstigen Vorzüge adelt. Es ist nicht möglich, daß ein Mensch durch Umgang mehr anregen könne, als dieser Herrliche. Seine Worte entzünden und begeistern zur Tugend im höchsten Sinne dieses so oft gemißbrauchten Wortes. Was rein und schuldlos ist, wird angezogen von diesem gewaltigen Magneten; – was unrein ist, fühlt sich unheimlich in seiner Nähe. Ist es denn nun ein Wunder, wenn halb Heidelberg in den Mann verliebt ist? Paulus Tochter, ein geistvolles Mädchen, hängt an Jean Paul mit schwärmerischer Zuneigung. Sie ist völlig in seiner Gewalt. Jean Paul sagte mir neulich: "Wenn mein Sohn mannbar wäre, der sollte sie heirathen; und sie thät' es, wenn ich es ihr sagte." – Lieber nähme sie den mannbaren Vater," antwortete ich, "wenn er Wittwer wäre," bat ihn aber zugleich ernstlich, ja auf seiner Hut zu seyn mit der geringsten Vertraulichkeit, damit sie nicht etwa durch die Kraft der Wahlverwandtschaft an ihm zur Ottilie würde. Es ist Jean Paul oft begegnet, daß sich Frauen und Mädchen in ihn verliebt haben, was mir bei diesem Geiste und Herzen, verbunden mit so angenehmer Persönlichkeit, nicht auffallend seyn kann. Ich habe nie bemerkt, und habe doch täglich stundenlang Gelegenheit zu bemerken, daß Jean Paul, um dessen Gunst und Küsse wenigstens funfzehn bis zwanzig Frauen und Mädchen buhlen, auch nur Ein verführerisches Wort gesprochen hätte; daher jede Bitte überflüssig war. Aber damals kannte ich ihn noch nicht. Er giebt wohl mitunter einen Kuß, aber es ist der Kuß eines edlen Bruders, den jedes Pfänderspiel erlaubt. Der Hegel, die ich mitnahm, als ich eine Lustpartie nach Winheim in zwei Wagen angeordnet hatte, erlaubte ich im Namen des Mannes auf der Rückfahrt Jean Paul acht Küsse zu geben und mir desgleichen, was sie auch gern that. Und der Mann lachte herzlich, als ich es ihm den andern Morgen in ihrer Gegenwart erzählte, und war nicht eifersüchtig. Das war eine herrliche Fahrt. Mein Freund, der Professor Grimm in Winheim hatte uns zum Frühstücke, drei Frauen und Mädchen, und fünf Männer. Zwei Stunden saßen wir behaglich beisammen, und schimpften gewaltig auf die Holländer und deren Prosa. Dann wurden wir von der lieben Frau Räthin Falck wahrhaft fürstlich bewirthet; und wie der Abend kühl geworden war, ergingen wir uns im schönen Birkenauer Thal. Erst nach 11 Uhr kamen wir nach Hause und unterwegs ward ganz unendlich viel gesprochen. Abendzusammenkünfte haben wir fast täglich und gewöhnlich wird die Bürgerzeit versäumt.

Eine gar große Freude macht es mir, täglich des Morgens von 8–1 Uhr in Jean Paul's Gegenwart zu arbeiten, und doch sitzt der einige tausend Schritte von mir auf einer blumigen Anhöhe, wo er das schöne Neckarthal überschauen kann. Aber unser Dollandsche Tubus, der es treu und ehrlich mit mir meint, holt ihn mir aufs Zimmer. Jetzt eben sitzt er auf diese Art bei mir und schreibt. Was das wohl seyn mag? Etwas Gutes gewiß; seine frohe Miene bezeugt's. Er sagte mir gestern, daß er an der Vorrede zum Quintus Fixlein arbeite. Sollte er dabei seyn? Alle Wetter, ja! Nun seh' ich's erst recht. Er sitzt gar nicht da, wie ein erbärmlicher Hildburghäuser Legationsrath; – sondern keck und stolz, und edel, und in die Brust geworfen, mit Einem Worte: ganz wie ein Heidelberger Doctorsmann. Nun steht er auf, er spaziert, guckt sich um, er steht stille, reibt sich die Stirn; ich glaube, ein Gedanke sitzt fest, will nicht flott werden. Ich muß mal eine Pistole abschießen; vielleicht hilft das. – Ja nun geht's besser, er sitzt wieder und schreibt, wie das heilige Donnerwetter.

Ich muß Ihnen Eins erzählen. Vor etwa acht Tagen speisen wir zu Mittag bei Frau von Ende, einer geistreichen Frau und schwärmerischen Verehrerin von Jean Paul, meiner lieben Schwester in Jean Paul. Unser Herzensmann kam auf Frau und Kinder zu sprechen, nachdem wir ein Gespräch von Gott und Unendlichkeit vollendet hatten. Er sprach mit einer Liebe, einer Innigkeit von ihnen, wie ich sie nie erlebt; und die Thränen rollten ihm über die Backen. "Wenn ich so dasitze und meine Emma um mich herumschmeichelt, oder mein kleiner Max auf meinen Knieen sitzt, und den Mund zum Küssen sucht, dann scheere ich mich weder um Gott, noch um Unsterblichkeit." Das waren ungefähr seine Worte. Die letzten, die ich buchstäblich gebe, fing der Bediente auf, ein sehr religiös erzogener Mensch, seelengut, aber beschränkt. Der grübelt nun viele Tage lang, und mit ihm die Kammerjungfer, wie Jean Paul so sprechen, und doch ein guter Christ seyn könne. Endlich, gestern Morgen, bittet er die gnädige Frau, ihm den Zweifel zu lösen. Frau von Ende, gewandt wie sie ist, übersetzt ihm Alles in verständliche Sprache, zeigt ihm das Unschuldige der Worte, wenn richtig im Zusammenhange verstanden, und zugleich, wie die frohe Laune der Geselligkeit ein Vorrecht habe, einmal ein Wort zu viel zu sagen. Der Bediente ist vollkommen beruhigt, und beruhigt wieder die Kammerjungfer. Das erzählte uns gestern Mittag Frau von Ende, und wir lachten herzlich. "Aber," fing Jean Paul an, "die Sache hat doch auch eine sehr ernsthafte Seite. Erstlich, wie rührt mich die Treue dieses Menschen, der Alles aufbietet, um nur nicht den Glauben an einen Menschen aufzugeben, den er für brav gehalten. Zweitens habe ich arg gefehlt, daß ich mich eines so gemeinen Ausdruckes bediente bei heiligen Dingen, und in eines Menschen Gegenwart, der daran Aergerniß nehmen konnte. Das soll mir eine heilsame Lebensregel seyn. Wer auch Eine Seele ärgert, hat Schuld auf dem Gewissen." – O, mein theurer Freund, wie groß kam mir der Herzensmann in diesem Augenblicke vor! – Ein anderes Mal sagte er mir: "Wohl ein Folioband voll Schlüpfrigkeiten ist mir im Leben durch den Kopf gefahren, und wie wäre es anders möglich, da ich so Vieles gelesen, so Vieles combinirt und dabei nicht ganz oberflächlich in die Naturgeschichte und Anatomie geschaut habe. Aber zeige mir Einen Gedanken der Art in meinen Werken, und mit meinem Blute will ich ihn abwaschen." Wahrlich, Jean Paul hat recht. Wenn einmal seine Todesstunde schlägt, und er sein reiches Leben überschaut, wie er denn auch denken und fühlen möge über den ästhetischen Gehalt seiner Werke, mit dem Gedanken wenigstens wird er hinüberschlummern: ich war ein kühner und kräftiger Vertheidiger der Sittlichkeit. – Ach! man braucht ihm nur in das schöne, treue, deutsche, durch und durch brave und biedere Antlitz zu schauen, um zu wissen, daß in dem Tempel nichts Unlauteres wohnen kann. Neulich las ich ihm einen eben erhaltenen Brief von Truchseß vor, der Jean Paul persönlich kennt, und ihn so warm liebt, wie die Tugend. Darin werde ich beschworen und bestürmt, Alles anzuwenden, daß Jean Paul auf der Rückreise die Bottenburg besuche. "Wie freut es mich," sagte Jean Paul, von diesem Manne gelobt zu werden. Denn hier gilt es meinem Charakter, nicht meiner Außenseite. Mancher ist schon mit mir zufrieden, wenn ich gerade lustig bin, und ihn mit lustig mache."

Auch arge Abgötterei treiben wir mit ihm. Philister und Studenten tragen Nelken im linken Knopfloche, weil er sie trägt; und fast keine Nelke ist mehr zu haben. Nach seinem Hunde Alert sind schon siebenundzwanzig neugeborne Hündlein und fünf Hunde getauft worden, heute Morgen auch sogar ein Kätzlein. Das fehlte noch, daß Hunde bei Katzen Gevatter stehn. Erfährt man erst, daß Alert funfzehn Jahre auf dem Rücken hat, so wird Keiner einen Hund haben wollen, der jünger ist. Ich erzählte neulich Jean Paul, man habe irgendwo seinen Hund eingefangen, ihm Haare abgeschnitten und davon nach Mannheim gesandt. "Nun, was will der Hund?" antwortete er, "geht's denn mir besser?" und zeigte mir, wie hier und da eine Locke fehlte. "Es ist gar keine Symmetrie mehr auf meinem Kopfe. Das muß der liebe Gott in Baireuth wieder in Ordnung bringe. Denn da lassen sie mich ungeschoren." – Einmal begleitete ich ihn in eine Gesellschaft, wo viele Damen waren. Eine Frau Pfarrerin fing sogleich an, ein J. P. mitten in einen halbvollendeten Strumpf hineinzustricken. Mit hohem Pathos zeigte sie mir ihr Werk. "mit welchen Gefühlen," sagte ich, "werden Sie einmal diesen Strumpf anziehen, der in des größten Mannes Gegenwart sein Daseyn empfing." – "Ja wohl, ja wohl," antwortete sie. – Bald darauf warf Jean Paul eine Nadel weg, die verbogen war. Geschwind hob eine Dame sie auf und bewickelte sie mit Papier. Nun soll sie ein seidenes Kissen verfertigt haben, worauf die Nadel einsam steckt; denn sie ist die Königin der Nadeln. – Eine Frau von Lammzahnen, an der der Zahn der Zeit schon länger nagt, als ein Lamm Lamm bleibt, die aber noch immer nicht zur Lammesunschuld zurückkehren kann, gab sich beim Auseinandergehen einer Gesellschaft entsetzliche Mühe, von Jean Paul einen Kuß zu bekommen. Vergeblich. Nun hängte sich die Frau an Jean Paul's Arme, und weder ich, noch er konnten verhindern, daß sie ihn nicht nach Hause begleitete. Vor Jean Paul's Quartier, mit Einem Male wie der Blitz, ehe ich's wehren konnte, fährt sie ihm um den Hals, und schmatzt ihn, daß die benachbarte Kirche davon wiederhallte. Als wir den Kuß bei Lichte besahen, d. h. beim Lichte des Kellners im goldenen Hechte, hatte die Frau ihm eine gute Portion Schminke ins Gesicht gedrückt. Ich rächte mich an der Frau, daß ich sie einen unermeßlich langen Weg allein gehen ließ, während ich in ehrbarer Ferne nachfolgte, nachdem ich Jean Paulen die Schminke am Brunnen abgewaschen. Jean Paul aber wird ob dieser Begebenheit weidlich von mir geneckt. Die gnädige Frau will ihn gerne bei sich zum Thee haben; aber ein gebranntes Kind scheut das Feuer. –

Daß hier unendlich viel Witz im Umlaufe ist, versteht sich von selbst. Aber er wächst gewöhnlich an von Mund zu Munde, wie ein Schneeball, – und denken Sie einmal ein feister Witz! oder er verzerrt sich zur gespenstermäßigen Unkenntlichkeit. Alles passirt für ächt, zumal bei der geistreichen Schofelnoblesse, wenn es nur Jean Paul's Namen trägt. Neulich habe ich dieses Pack recht grob angeführt. Vor dem Zubettegehen setze ich gegen dreißig brillante Gedanken auf, z. B. "Jugend ist Veilchenblüthe der Gottheit, Tugend ihre Melonenreife," und den folgenden Tag schmuggle ich es gehörigen Ortes ein. All das dumme Zeug wird bewundert und angestaunt.

Wiederum einen neuen Beweis habe ich an Jean Paul für meinen unerschütterlichen Glauben, daß Liebe ohne Gegenliebe nicht stattfinden kann. Sie aber, lieber Wolff, preisen Sie mich glücklich, daß ich in meinem Leben so viele Edle fand, mit denen ich in eine unmittelbare Berührung kam. U. s. w. U. s. w.

Zitierhinweis

Von Heinrich Voß an Friedrich Karl Wolff. Heidelberg, Anfang August 1817. In: Digitale Edition der Briefe aus Jean Pauls Umfeld, bearbeitet von Selma Jahnke und Michael Rölcke (2020–). In: Jean Paul - Sämtliche Briefe digital. Herausgegeben im Auftrag der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften von Markus Bernauer, Norbert Miller und Frederike Neuber (2018–). URL: http://jeanpaul-edition.de/umfeldbriefbrief.html?num=JP-UB1687


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Textgrundlage

D: Hamburger Literarische und Kritische Blätter, 13. Mai 1846, S. 442–444, 16. Mai 1846, S.450–452.