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|1 An die Frau Justizräthin Heise.
Heidelberg d. 22 Sept.
1817.

Erst jezt komm' ich dazu, einen Auftrag niederzuschreiben den mir Frau von Dörnberg an Sie gab, verehrte Frau Justizräthin. Fräulein Amalia sollte, wenn mir recht ist, zu Michaelis bei Ihnen eintreffen, und eine Zeitlang bleiben. Gewisse unvorhergesehene Umstände, die mir vom Hrn. v. D. mitgetheilt sind, die aber zum brieflichen Mittheilen sich kaum eignen, auch im Munde eines Dritten etwas langweilig lauten würden, machen es ihr unmöglich, die besprochne Zeit zu beobachten. Amalia wir später kommen, einen Monat oder gar zwei. So weit mein Auftrag; aus eigener Macht füge ich hinzu: Hr. v. Dörnberg schien mir die Nothwendigkeit des Aufschubes nicht zuzugestehn; aber sie bestand darauf, und wiederholte es noch am letzten Abend, als ich beide von der Krappfabrik zurückbegleitete.

Da ich aus der Liebe, mit der Dörnberg von Ihnen und Heise spricht, schließen muß, daß auch Sie ihm gewogen sind – denn dergleichen pflegt wechselseitig zu sein – so muß ich Ihnen noch etwas von diesem mir überaus theuern Mann erzählen. Ich habe das große Glück gehabt, ihm nahe zu kommen; und unser Band ward unser gemeinsame Freund Truchseß auf der Bettenburg, der gemeinsame Mittagstisch bei Emilie, und wohl auch der Umstand, daß ich mich ehemals viel mit seinem Uniko beschäftigte. In die beiden Tage seines ersten Hierseins fiel ein akademischer Schmaus, den unser 60 etwa (Prediger, Amtleute u. s. w. eingerechnet) dem herlichen Jean Paul gaben. "Dabei muß Dörnberg sein" dacht' ich. Wie aber es einleiten? Ihn als Privatgast einzuladen schien für mich anmaßend, für ihn nicht ehrenvoll genug. Ich ging also zum Prorector Zachariä, und erhielt von ihm die Erlaubnis, seinen Namen beliebig gebrauchen zu dürfen. Drauf schrieb ich eine Einladung an Dörnberg in des Prorectors und der Gesellschaft Namen, und erhielt sogleich eine überaus freundliche, ja herzliche Zusage. Als ich des folgenden Tags zu Emilie kam, ihn abzuholen, fand ich ihn überaus bewegt. Die Confirmation war eben beendet, und er sprach Worte der Liebe zu seinen Töchtern aus vollem Vaterherzen, wobei ihm die Thränen über die Backen rollten. |2 Der Schmaus war im Hecht, u. Emilie wohnt in der Straße, die von Schwarz zu Ihrer ehemaligen Wohnung führt. Auf diesem langen Wege gingen wir still neben einander, eine geraume Zeit; ich ehrte sein Schweigen, und hätte die Gefühle seines Herzens um alles nicht stören mögen. In der Gegend der lutherischen Kirche ergrif er mit Heftigkeit meine Hand, und sagte: "Ich fühle wohl, ein Mann sollte Herr sein über seine Empfindungen; aber heute stürmt gar zu viel auf mich ein. Ich sollte wohl nicht in Gesellschaft gehn; aber es sind Heidelberger versammelt, und denen hab' ich überall zu danken; es zieht mich dahin. O sagen Sie es der Gesellschaft warum ich grade heut ein stummer Gast sein muß." Ich kann Ihnen die Innigkeit nicht ausdrücken, womit ers sagte; doch Sie kennen ihn ja. – Eine sichtbare Freude verbreitete sich unter den versammelten, als Jean Paul u. Dörnberg erschienen. Beide wurden neben den Prorektor gesezt, J. P. zur Rechten, D. zur Linken. Wie es an die Gesundheiten kam, brachte zuerst der Prorector auf Lateinisch Jean Pauls Gesundheit aus; dann der Stadtdirector deutsch, kräftig, und zugleich bescheiden Lobend Dörnbergs. Dann erhub sich Dörnberg, in seiner ganzen Stattlichkeit, like a descended god, wie Shakspear sagt: "Ich danke herzlich", sagte er, "Ich aber habe besseres zu bringen". Und da erzählte er in wenigen aber kräftigen Worten, wie ehemals das Unglück über seine Familie eingebrochen. Niemand wollte sie aufnehmen; bei den lieben Heidelbergern fanden sie Schuz und gastlichen Herd" – "Jetzt", fuhr er fort, "ist die Zeit der Trübsal vorüber; Gott hat mich und die meinigen auf wundersamen Pfaden wieder zusammengeführt; und jezt ist es eine meiner seligsten Augenblicke, wo ich unter den theuern Heidelbergern stehe, und aus vollem Herzen danken kann. Also Dank, Dank, ihr theuern Heidelberger, und der Himmel lohn' es euch!" – Und dies sprach er mit solcher Würde, solcher Kraft, solcher soldatischen Festigkeit, und dabei mit so ergreifender, ja erschüttender Innigkeit, daß auch kein Auge trocken blieb. Mit dem lautesten Jubel ward die herliche Anrede erwiedert. Dann trat Jean Paul auf, und sprach halb lachend, halb weinend, über das schöne Heidelberger Paradies; aber ich würde alles verderben, wollt' ich auch nur einen Versuch machen, es wiederzusagen. |3 Mein einziger Gedanke war, warum kann die herliche Mutter nicht zugegen sein?

So wie den Mittag hat sich Dörnberg denen, die ihn genauer kennen lernten, auch das zweitemal überall erwiesen, und wir alle sind seines Lobes voll. Gestern vor acht Tagen frühstückte er bei mir, und wir waren von halb 6 Uhr Morgens an bis nach 9 Uhr in einer artigen Gesellschaft, die ich um unsre Grotte versammelt hatte, bei Kaffee, Taback, Butterbrot, Zwetschen und Maulbeern seelenvergnügt. Nachher gingen wir sämtl. aufs Schloß, scheuten auch den Königsstuhl nicht. Dörnberg sprach viel, und in allem fand ich den Ausdruck der höchsten, geläutertsten Rechtlichkeit. Ich könnte Ihnen ganze voll davon melden. Wer kann ferner in dies herliche Antliz, in das seelenvolle Auge schaun, ohne von dem Edlen durchdrungen zu werden, das in ihm wohnt. Jean Paul, seit er ihn sah, nannte ihn nie anders, als den "herlichen Dörnberg", er der wahrlich nicht freigebig ist mit seiner Gunst; und Dannecker (den wir bei Boissarée fanden), der gar nicht aufhören konnte, ihn anzuschaun, und zwar zugleich mit dem Auge des Menschen und des Künstlers, sagte mir, nachdem er lange mit Dörnberg gesprochen hatte: "ich möchte ihn durchprügeln, so lieb hab' ich ihn".

Gleichwohl, und das ist mir eine traurige Erfahrung, sind Leute hier, die ihn grausam verlästern. Er sei aus Undankbarkeit zusammengesezt, schon seine erste Affaire mit Hironymus beweise das; jeder Redliche müßte sich mit Abscheu von ihm wenden u. s. w. Ich habe Abscheu, das Abscheuliche herzusagen. Nun ja, es sind einige Fehler vorgefallen, die es nicht gesollt hätten. Dörnbergs haben Daubs u. Thibauts nicht besucht, wenigstens Dörnberg nicht lezteren, denn sie war da. Und beiden Familien soll Frau von Dörnberg vielen Dank schuldig sein. Es thut mir in der Seele weh, daß ichs nicht wußte, ich hätte ihn bestimmt zu beiden geführt, so wie ich ihn zu Paulus führte, dem er nicht den geringsten Dank schuldig ist. Aber ist das Seine Schuld? Es ist bloß Schuld der Frau, die dergleichen bedenken mußte. Dörnberg sagte mir einmal: "ich schäme mich meiner Unwissenheit, daß ich so gar keinen von den Gelehrten hier kenne; aber eine lange Abwesenheit aus Deutschland ist Schuld daran". Worauf ich ihm antwortete: "Wohl uns, daß wir Sie kennen". – Man sollte ja auf der Hut sein; nicht |4 auf jeden, der einen Fehler begeht, den Stein der Verdammnis zu werfen. Die Eitelkeit ist oft der Grund der Verläumdung, und wer dann so glücklich ist, eine recht giftige Zunge zu besitzen, der treibt die Verläumdung bis aufs äußerste, und verschanzt sich dabei, was mir recht satanisch vorkommt, hinter Tugend und Moralität. Daub sprech' ich vollkommen frei; der ist zu redlich, um wehe zu thun; aber die Frau scheint mir etwas empfindlich zu sein, und kann dann kränken, ohne zu wollen. Wenn ich doch wüßte, ob Sie und Heise Dörnberg für einen edlen Mann halten! Ich möchte schwören, Sie thun es.

Ich wünschte allerdings aus Dörnbergs einen Fleck fort. Er besaß Hieronymus Vertraun, da er sich gegen ihn verschwur. Ich meine aber, das war eine Collision zwischen Moralität u. Politik, und die Politik diente einem höheren moralischen Zweck. Wäre Dörnberg damals zum Ziele gelangt, o wie hätte ganz Deutschland über die edlen Befreier gejubelt. Die Vorsehung aber sprach: "es ist noch nicht Zeit! aber sie wird kommen". – Als Odysseus in der Kyklopenhöhle war, hatte er auch das Vertraun des Kyklopen, und wie belog er ihn, und blieb doch der edle Odysseus! Solche Lügen sind besser, als die mit den Worten der Wahrheit gesprochen werden; und deren werden in Heidelb. manche gesprochen.

Von Jean Paul könnte ich Ihnen vieles erzählen, aber die Zeit geht zu Ende u. das Papier. Meine Mutter hat viel verloren, da sie diesen nicht fand.

Meine Eltern sind nun wohl bald in Rudolstadt, wo ein neuer Bube, Hermann Gustav, ihrer harrt. Die lieb köstliche Mutter war in Lübeck krank, ist aber vollkommen genesen. Ein kaltes Fieber, das aber bald ausblieb, hat sie 4 Wochen im häuslichen Hause Overbecks aufgehalten.

Grüßen Sie Heisen herzlich von mir. Sagen Sie Welckern, daß ich überaus fleißig am Shakspear arbeitete, manchmal noch nach 10 Uhr Abends. Auch im Traume verfolgt er mich, und Morgens arbeite ich gewöhnlich schon bei Licht. Jean Paul nahm großen Antheil an meiner Arbeit, und hat mir oft halbe Tage geschenkt, um alles ins Einzelne zu besprechen. – Meinen Brief wird Welcker erhalten haben. – Mit Verehrung. Der Ihrige

Heinrich Voß.

Lassen Sie ja das über Thib. u Daub gesagte, unter uns gesagt sein.

Zitierhinweis

Von Heinrich Voß an Elisabeth Heise. Heidelberg, 22. September 1817, Montag. In: Digitale Edition der Briefe aus Jean Pauls Umfeld, bearbeitet von Selma Jahnke und Michael Rölcke (2020–). In: Jean Paul - Sämtliche Briefe digital. Herausgegeben im Auftrag der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften von Markus Bernauer, Norbert Miller und Frederike Neuber (2018–). URL: http://jeanpaul-edition.de/umfeldbriefbrief.html?num=JP-UB1695


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Textgrundlage

H: Universitätsbibliothek Heidelberg, Nachlass Georg Arnold Heise , Heid. Hs. 2128,95
1 Dbl. 4°, 4 S.