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Stuttgart den 21 Aug. 8.

Was ist es denn, Lieber! daß ich nichts von Yverdon höhre, nichts von der Hartmann und nichts von Euch, nicht einmal etwas sehe, nämlich meinen Wechsel auf die hiesige Hofbanque ? Glaubt Ihr denn, daß, wenn Ihr auch mich und mein von Euch erst erhaltenes Geld nicht braucht, daß ich Euch und Nachrichten vom Treiben und Thun in Yverdon entbehren kann? Auch von Richter und Emanuel vernehme ich nichts, ob ich ihnen gleich geschrieben. Daher hat es mich, wenigstens euch im Buchladen zusammenzufinden, gefreut. In einem gelehrten Werke von Kanne ist Richter Vorredner u Ihnen wird dedicirt, um einer Excellenz übel und in tollen (mir oft unverständlichen) Wendungen und Späßen mitzuspielen. – Blos von Wagner aus Meiningen habe ich Nachricht , daß er immer mehr stirbt u doch der Hoffnung lebt, seinen Plan einer deutschen Kunstschule ausgeführt zu sehen , ob's gleich langsam geht. Die meisten zweifeln am Erfolg, doch verzweifeln sie nicht daran, denn sie handeln, wie zB. Göthe (der recht sehr gesund ist, aber nicht mehr viel lesen muß, weil er Wagner's Heimreise für das beste erklärt, was seit 20 Jahren er gelesen – seine Werke doch wohl ausgenommen) und Fichte und Andere.

Man ist in der Schweiz in der neuen Literatur immer mehrere Monate zurük, daher ist es wohl erlaubt Sie und Pestalozzi auf Fichtens Rede an die deutsche Nation aufmerksam zu machen, obwohl sie sich beinahe ausschließend um den Satz herum ge dre hen: Pestalozzi's Methode in der allgemeinsten Verbreitung sey das einzige Mittel die Deutschen zu retten u durch diese auf alle übrige Nationen zu wirken, ob sie selber gleich politisch besiegt. |2 Es ist selten und intereßant, wenn der Mann der Speculation heruntersteigt auf den Boden der angewandten Philosophie und dort Heil sucht und findet in Dingen, die ein anderer erfunden, als er und dieß öffentlich sagt. Aber es ist doppelt intereßant, das Product eines solchen Mannes zu berüksichtigen, wenn er wie es mir scheint von seiner Wolkenhöhe die Gemüths-Tiefe des Erfinders ergründet und gefaßt hat. Und diß scheint mir hier der Fall, wie er mir selten vorgekommen.

Mit treffenden Zügen characterisirt Fichte die Zeit und uns. Und aus dieser Zeit, in welcher die Selbstsucht sich selber erschöpft und daher zu Grunde gerichtet hat, leitet er ab die Nothwendigkeit einer Bildung der Deutschen zu einem neuen, nationalen Selbst und zeigt, warum nur der Deutsche eigentlich ein Volk zu heißen verdiene u daß Er daher vor der Hand allein bildsam sey durch Nationalerziehung. – Er characterisirt nun ferner die seitherige Erziehungskunst und zeigt, daß sie nur das Gedächtniß mit Worten u Phrasen u die kalte, theilnahmungslose Phantasie ihrer Zöglinge mit matten Bildern angefüllt habe; daher es ihr nie habe gelingen können, diese ihre Zöglinge zur Darstellung des Gemäldes einer sittlichen Weltordnung im Leben zu bringen. Dieß vorausgesezt, zeigt er nun, was die neue Erziehung soll und wie sie kann, was sie soll. Sie soll nämlich, so weit ihr Boden reicht, die Freiheit des Willens – das Schwanken zwischen Recht u Unrecht – vernichten, strenge Nothwendigkeit der Entschließungen u die Unmöglichkeit der Entgegengesezten in dem Wil |3 len hervorbringen, damit man auf solchen Willen rechnen und sich darauf verlaßen könne. Die Erziehung soll also mit Nothwendigkeit die Nothwendigkeit erzeugen, die sie bezwekt, sie muß die Kunst seyn: einen festen und unfehlbar guten Willen im Menschen zu bilden. Der Mensch aber kann nur das wollen, was er liebt, was er liebt, nicht weil es nützlich für ihn, sondern weil es gut ist. Diese Liebe zum Guten, welche das Darstellen des Guten im Leben, das Rechthandeln, erzeugt, soll die Erziehung hervorbringen. Der Mensch kann aber einen Zustand der Dinge, der in der Wirklichkeit nicht vorhanden ist, nicht hervorbringen, ohne sich ein Bild, ein Vorbild (ein Ideal) jenes Zustandes zu [...] schaffen u die Erziehung soll daher dahin wirken, daß der Zögling sich solche Vorbilder mache. Aber selber, frei, selbstthätig muß er sie machen; denn nur was der Mensch selber geschaffen hat gefällt ihm, alles Gegebene läßt er sich blos gefallen. Die Erziehung kann das aber bewirken, sie kann das rechte Wohlgefallen des Zöglings entzünden, wenn die Selbstthätigkeit des Zöglings zugleich angereizt u ihm an dem gegebenen Gegenstande offenbar wird, so daß der Gegenstand für sich u als Object einer geistigen Kraftäußerung gefällt. Diese eigene Thätigkeit in irgend einem uns bekannten Punkte nur erst anzuregen ist daher das erste Haupt |4 stük der Erziehungskunst; denn ist diese angeregt, so lernt der Zögling rein um des Lernens willen, und aus keinem andern Grunde, mit Lust und Liebe. Das zweite Hauptstück aber ist: die angeregte Thätigkeit von diesem Punkte aus immer im frischen Leben zu erhalten durch regelmäßiges lückenloses Fortschreiten. Eine so fortgesezte Selbsttatigkeit erzeugt zwar neben bei Erkenntniße u hauptsächlich die Erkenntniß der, die Möglichkeit aller geistigen Thätigkeit bedingenden, Gesetze; aber sie führt zu weiterem, denn sie, die Thatigkeit um der Thatigkeit, die Liebe zum Erkennen um des Erkennens willen, giebt – ungerechnet daß dabei viel, richtig u unvergeßlich gelernt wird – zugleich die Form eines sittlichen Wollens – eine Vorbereitung zur sittlichen Bildung. Diese selber aber ist erreicht, wenn der Zögling frei das Bild einer sittlichen Ordnung des wirklich vorhandenen Lebens entwirft. Dieses Bild mit der schon in ihm entwickelten Liebe faßt, und durch diese Liebe getrieben wird, daßelbe in seinem Leben u durch sein Leben darzustellen.

Für den leztern Zweck sind noch zwei herrliche Mittel anzugeben, nämlich die Benutzung eines Grundtriebes im Kinde – des Triebs nach Achtung – und die Aufstellung, Entwickelung u Handhabung immer festen und frei bestimmten Hausordnung. Ueber diese u über den Beweis den der Führer Erzieher führen kann, daß ihm sein Vorhaben |5 gelungen, müßen Sie das Buch selber nachlesen. Aber über den Trieb nach äußerer Achtung im Kinde muß ich Ihnen seine Ansicht, die mir äußerst wichtig u fruchtbar scheint, herausheben. Das Kind liebt nicht so wohl aus Selbstsucht, als weil es Achtung sucht bei dem, der ihm selbst achtungswürdig vorkommt; denn es liebt in der Regel den ernstern Vater von dem es keine unmittelbaren Wohlthaten empfängt, mehr, als die es stets mit Wohlthaten überhäufende Mutter. Diesen natürlichen Trieb des Kindes nach Achtung, dieses Gewißen außer sich selbst, soll der Erzieher benutzen Behufs der sittlichen Gesinnung (um Gotteswillen zu keinem andern Zwek u nicht öffentlich) So lange dieser Trieb nach fremder Achtung ein äußeres Gewißen bleibt bleibt das Kind unmündig erziehungsfähig u bedürftig; so wie es aber disen Trieb verliert, das Gewißen nur in sich hat u in der Außenwelt nach nichts strebt, als Achtungswürdiges zu finden und darzustellen, dann ist der Mensch mündig u die Erziehung vollendet.

Von dieser neuen Erziehungskunst nun sagt Fichte mit Recht, daß Vater Pestalozzi sie erfunden und begründet habe. Aber eben weil er das sagt und weil er – wie ich glaube – das Wesen der Methode richtiger ergriffen u dargestellt hat als alle Schreiber darüber, ist es wichtig und Pflicht, auch seine Zweifel u Meinungen sorgsam zu würdigen u auch den kleinsten u die unbedeutenste nicht unberichtigt oder unbefolgt zu laßen, wie sich's trifft.

|6 Manche Aeußerung dieser Art würde Fichte vielleicht gar nicht gethan haben, wenn er wüßte, wie sich die Methode in ihrem stetigen Fortschreiten schon selber u ehe er sprach gereinigt hat; aber andere scheinen, mir wenigstens, noch proderirt werden zu müßen. Ich zeichne nur einige aus, die mir am meisten am Herzen liegen für mein noch unvollendetes Studium der Methode und meine Plane in Hinsicht auf ihre Anwendung.

den 23 Aug. 1808.

Ich wurde unterbrochen und komme erst heute wieder zum Schreiben. Aber ich wüßte nicht, warum Fichtens Zweifel u Einwendungen hier früher stehen sollten, als die Anzeige von dem Empfang Ihres lieben Blatts v. 13 Jul. u 16 Aug. in Collomb's Brief und mein herzlicher Dank dafür? Hoffentlich ist des guten Pestalozzi Frage über mein langes Stillschweigen beantwortet, wie meine im Anfang des Briefs aufgeworfene über Ihres, nämlich durch einen im Wechsel angekommenen Brief, den ich mit einer sichern Gelegenheit vorlängst bis Bern gebracht. Als Nachtrag zu jenem dient das: Zeller ist (mit einer, ich glaube, hinlänglichen Besoldung u mit sattsamm freier Hand) zum Schulen-Inspector in der ehemaligen Reichsstadt Heilbronn bereits ernannt u sind die Befehle deshalb schon an die Finanzbehörde gegangen. Da einmal dermalen ein überlegtes Ganze unmöglich, so scheint mir die zufällige Wahl des Orts für die gute Sache äußerst günstig. Einmal, weil Heilbronn ziemlich weit von Stuttgart weg |7 liegt, und dann, weil die Heilbronner schon durch Gruner in Frankfurth, der vorher dort gelehrt, vorbereitet und warm für die gute Sache sind. Zeller wird also Gelegenheit haben, dort den Focum zu schleifen, in dem alle Sonnenstralen gesammelt und von wo aus diese zu seiner Zeit überall hin versendet werden können. Ich bin direct in diser Sache nicht befaßt, und kann mich nicht damit befaßen, weil das noch vegetirt, was tod seyn müßte, wenn ich leben sollte. Festina lente .

Die Pseydo-Wangenh. Hände haben alles richtig in die ächten abgeliefert, aber ob Briefe von mir in die Zellerschen gekommen, weiß der Himmel. Seinen lamentablen – zu lamentablen – vom 18 Aug. melden mir nichts davon.

Könnte ich doch bald wieder eine Feder liegen laßen, um wieder einen solchen Wunsch zu höhren, der mir so recht innig wohl that, Guter. Ihr Anfangen ist mir Bürge für ein Vollenden u zwar für eine Doppeltes. – Welche Kunde haben Sie genommen von der Person, die mich so sehr intereßirt und die so innig verwebt ist in den Plan meines Lebens. Sick hat welche empfangen von dem κακοδαίμον des Instituts, die so giftig war, daß ich es unter meiner u der Würde eines ehrlichen Gesichts gehalten, darüber nachzuforschen in Luzern.

War denn Moudon werth, nach Baireuth versendet zu werden , oder verstehe ich unrecht?

|8 Sagen Sie Niedrer, Krüsi, Hagenauer p: sie sollen in Gottesnamen den Mund zu, aber sie sollen mir Ihre Herzen offen halten. – [...] Warum sprachen Sie nicht mit Schmidt und sagten mir nichts von ihm?

Ihr Vertrauen in mich hat Sie so wenig getäuscht, daß selbst die reservatio mentalis (von wegen das Ende der Woche) nicht nöthig war, wenn nicht der Teufel oder die Post irgend ein Spiel hatten.

Kann man sich durch Lesen von Krug's Sprach-Elementen in Kenntniß setzen? – Und, vor allem, wie weit ist man gediehen in der neuen Aufstellung der Sprach-Elemente? und arbeiten Sie, Sprachforscher, nicht daran? Hat Türk etwas darüber geliefert? Und was war Madame Hoffmann, als sie sagte: das gute Vernehmen zwischen Türk u Pestalozzi werde nicht lange dauern und laut zerreißen . Doch keine Cassandra?

Der liebe Werner hat mich hier u ich ihn in der Schweiz verfehlt . In Zürch hat ihn ein "Salutem Wernero dicit Wangenheim " angerufen im schönsten Bildersaale, deßen Meisterwerke alle von einem Metzgermeister sind, Namens Hess . Zur Stael war Werner eingeladen, weiß ich; er wird zu ihr gehen, vermuth' ich ; und er wird sich dann in Weimar fixiren , hoff' u glaub' ich. Wenn Sie ihn sehen, so geben Sie ihm eine deutsche Hand in meinem Namen.

Was macht Ihre Hoffmann, Lieber? Da ich Sie liebe, muß es mir eine Angelegenheit seyn, von ihr Gutes zu wißen.

Vale faveque.

Karl.

Die Fichtiana kommen, wenn nicht morgen – denn ich wandere mit Lebret früh nach Solitude u Leonberg zu Fuß in schweitzerische Erinnerungen – doch bald, wahrscheinlich aber in einem besondern Blatt u mit einer andern Post. Die Wochenschrift, die ich, wie Sie wißen, bezahlt besitz ich immer nicht weiter, als wie sie mit mir gereiset. 2ter Band 1stes Heft. Treiben Sie doch, quaeso. Dann fragen Sie doch Niederer, warum darinnen so manches angefangen u nicht vollendet? Das thut Schaden. Auch die Hartmann, die ich grüße, hat Briefe u Sachen versprochen, die nicht kommen. Daß sie Fichte lese (mit Ihnen) wünschte ich.

Zitierhinweis

Von Karl August von Wangenheim an Paul Emile Thieriot. Stuttgart, 21. und 23. August 1808, Sonntag und Dienstag. In: Digitale Edition der Briefe aus Jean Pauls Umfeld, bearbeitet von Selma Jahnke und Michael Rölcke (2020–). In: Jean Paul - Sämtliche Briefe digital. Herausgegeben im Auftrag der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften von Markus Bernauer, Norbert Miller und Frederike Neuber (2018–). URL: http://jeanpaul-edition.de/umfeldbriefbrief.html?num=JP-UB1821


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Textgrundlage

H: BJK, Berlin A, 273
1 Dbl. und 2 Bl. (evtl. ursprünglich 1 Dbl.) 4°, 8 S. Auf S. 1 am oberen linken Rand angepinnter rosa Zettel mit Karl August Varnhagens Notiz: Staatsminister von Wangenheim an | Thieriot. | Stuttgart, 21. Aug. 1808.

Überlieferung

D: Erwin Hölzle: Wangenheim und die deutsche Bewegung. Aus seinen Briefen. In: Württembergische Jahrbücher für Statistik und Landeskunde, Jg. 38/39, Stuttgart 1940, S. 60–78, hier S. 62f. (unvollständig).