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25 Febr. 9. (dasselbe Blatt)

Geist ist, was hier beisammen ist; die Kinder erröthen nicht "ob eines Dintenflecks an den Fingern" vor ihren Glüphi’s ; da Glüphi "Pestalozzi nur erziehen läßt, über (u alles ihm nach über) Erziehen spricht, über Erziehen schreibt, und nicht erzieht – hie und da nicht erzogen ist und sich als nicht erzogen – verzogen ist und sich als verzogen nicht einmal erkennt: so weiß ich nicht ob ich hier die Gertrud , den Glüphi, die Handarbeit, die Sparpfennige, Rechenschaft und Reinlichkeit suchen soll. Und wenn sie da wäre, wie wollte denn ich sie jetzt suchen?

Sein Sinn ist durch die Last der Sorgen und durch das viele – nicht nach seinem Sinne so abgegriffen worden.

Es sey nicht mehr ein Haus "wo ich mein Kind hinein gäbe" sagen beßere.

Und doch will ich Conrad hinein, will ich Eva, will ich Dich dazu.

Der Schmied ist ein Virtuos in der Mathematik – macht Gesichter – pu! paff! – wie Richter.

Offenheit u Thätigkeit, das sind 2 große Geister im hiesigen Hause. Was mich dennoch von Zeit zu Zeit zweiflerisch macht, ist dreierlei:

1. Steht das Haus nicht in der teutschen Schweiz, sondern in der welschen – doch was steht jetzt in der teutschen?

2.) Dans une si grande maison on le perd , wenn man nicht sich die gröste Mühe giebt, darin zu leben wie in dem engsten – si on ne Merdie pas l'occasion de vivre dans l'amour (ich hätt' es wohl auf teutsch geben können) sagte der heute so menschlich sprach u. immer so spricht u thut – der die Kinder an den Herrn Christus erinnerte, wie er Alles äußere auch gethan aber keinen Werth Werth drein legend – Pestalozzi. – Es sind 140 u. mehr Knaben und nicht alles Kinder der teutschen Schweiz, u. unter den Franzosen nicht alle solche, die jenes zu seyn verdienten oder werden könnten so bald.

3. Steht das Haus offen nicht blos für das Hineinsehen, wie es recht ist, sondern für das Dreinschwatzen und Handanlegen aller Welt. Fremde sinds die den Herrn umlagern und ermüden und zu entkräften drohen und Fremde-Gedanken in die 5 Sinne seiner Gehülfen bringen.

Völlig kann es Pestalozzis Gedanke nicht seyn, was hier ausgeführt wird. Aber es ist doch gewiß ein großer Schritt zu diesem Ziel. Der Mann selbst ist ewig der Alte: und so ist selbst der Misbrauch, den die Zeit von seiner Sache machen wird, ein Grund, daß man an die Quelle geht u. sich reinen Wein schenkt. Du willst ihn dir verdienen Em. kamst gingst schon innerlich an die Quelle; in Deinem Thun kamst du gewiß in Döhlau Pestalozzi näher als mich ihm mein Wandern bis Yverdün brachte: aber das hindert nicht, daß Du nun auch in selbst den Du lange kennst u. der Deiner nach meiner Ansicht sehr bedarf.

Sind meine Augen für mich trüb, hab' ich doch den Glauben, sie könnten für andre etwas taugen.

Das was so viele einzelne gute Seiten hat – wie die Gestalt der Künste, Kunst-amusementir, jetzt – ist eben Kindern u. Affen verderblich, läßt die sie Kinder u. Affen bleiben. Pestalozzi in seinem Thun wie Emanuel in seinem Geschäft, ist einfach wie Homer und Moses. So ist Eva ein ganzer Christ. Schmidt ein ganzer Mathematiker. So hatte Herder das Ansehn eines Menschen, und Richter der ihm gleicht ist so gut, und Jakobi unter den philosophischen Schriftstellern und der beste Göthe mit dem getragenen klagenden Ton über sich.

"Zusammenkommen ohne eine Sache, Zweck, Ernst sollten die Menschen nie. Macht falsch, falsches, das." Nur hier haben wir einen Zweck. Kommt zusammen.

Denn das muß ich euch sagen, wenn Ihr die Pestal. Lehrmittel dem Volke unter Euren Füßen zu helfen, glaubt dort anwenden zu können: An die Quelle muß man gehen.

Hört Schmidt, seht Schmidt, seht Pestalozzi gemessen thun und sprechen.

Über die hiesigen Leute:

Sie verstehen den urherrlichen P. nicht. Mit der Pflicht ists kommod. Da kann man Vergnügen daneben haben so viel man will. Mit der Liebe ists nicht so. Die will immer seyn, sogar im Vergnügen. Darum möchten sie gern Alles in diesem hiesigen Hauswesen reduziren – sie haben einmal den Lasten-Gedanken, und so möchten sie eine gleiche Vertheilung der Lasten. Aber bis auf den P. können sie ihren Gedanken schweren Gedanken nicht vertheilen, nicht laden. Er lebt – bis er einmal in der Liebe lebt – in dem Liebe-Gedanken.

Das Äußere an P. sein Cynismus, von dem ich irgendwo gelesen habe, ist dem Alcibiades sein Hundschwanz .

– Das ist noch nicht aufgefasst. Sondern es ist die Gradheit, Derbheit, Menschlichkeit, die ihn hindert, Menschliches zu verbergen, und im Beiseyn der Menschen ein anderer Mensch seyn zu wollen. Darum geht er auch gering einher.

S ist doch aber etwas gar Herrliches um den alten Pestalozzi und verklage mich nur nicht einmal bei Gott daß ich Dir ihn nicht früher gezeigt.

In den Versammlungen (Predigten) die er zuweilen hält, zeigt er mit der rührendsten Aufrichtigkeit

die die höchste Klugheit wäre, wenn Klugheit dahin dränget.
(es muß selber solche Worte dafür brauchen, wer so weit davon steht), was er war und ist, und wo sie seyen – und wenn er im weinenden und betenden Erkennen seiner Schwäche fast stockt – trötet ihn: Es ist Gottes Werk.

Die Methode (wie ich und er den Markt-Namen haßen) dringt auch überall durch. Selber die von den Häusern u. Gassen am Markt herbeigeschrieen werden, luftiges, nicht lustiges und in seiner eignen Sprache: frivoles Volk, werden, 4 Schritte von mir, durch den aufgefundenen allen Menschen anwendbaren Leitfaden des Unterrichts so in Beschäftigung (so daß auch der Unterlehrer, der Sigrist, der sie hat, hin und her, ab und zu, dabei gehen kann und ich selbst von dem einen (Geigentollen) unter ihnen ungestört sitze) gehalten, daß sie wenigstens eine Stunde lang und vielleicht noch eine nichts Schlechtem nachhängen und nichts Halbes sagen dürfen, und vielleicht einst die Güte dieser Lehr-Art durch "Folgen von Aufgaben" den Kindern, denen Andre sie zukommen laßen, gönnen.

Wer das Ganze, P.s Herz, nicht will verloren gehen laßen, der darf es wegen Manchem was ihn umgiebt, weil er wie die Eva gleichsam dem Unkraut sein schlechtes Freudchen lässt so lang es will – das sich denn in großer Zahl um ihn annistet – m n icht genau nehmen mit ihm, aber mit dem Manchen desto genauer –

Eine thierische Ansicht der Dinge – du hast Recht, Pestalozzi – u. besonders eine thierische vom Menschen, ist der Grund des Verderbens. Daß diese nicht verhärtet werde, hilft jede aufgestellte menschliche, wahre, verhindern. Die göttlichen Ansichten helfen so viel nicht, müßen, unbehutsam ins Leben eingemischt, eher schaden, weil man schon weiß, daß Göttliches beym Menschen wieder Thierisches zur Folge haben muß oder zum Vorangang.

Dem Gesetz der Abwechselung unterwerfe der Mensch das herausgehende Innere lieber gleich: so wird er es dann schön, d. h. menschlich aussprechen.

Wahrheit auf der Stelle, würde nie Satire. Verspätete Wahrheit wird giftig.

Wer den Schaden klagt, darf für den Spott nicht sorgen.

….… Die allgemeinen Anlagen des Menschen sind aber eben die, die sich am individuellsten entfalten müssen. Die allgemeinste Anlage ist wirklich die, ein Sohn, eine Tochter, ein Pflegling zu seyn; auch einen Leib hat Jeder, an dem jeder sich rein halten soll, und einen Platz um sich, an dem mehr u weniger jeder dies ausüben kann.Ein Mensch unter vielen Menschen zu seyn, unter Herden von Menschen ein Mensch zu bleiben, das kömmt demnach weit nach der erfüllten Foderung guter Nachbarschaft, guter Landsmannsschaftmanschaft, und ziemlich spät dran.

Reisen, sich vielen Menschen zeigen, dürften überhaupt nur ganze Leute, da jedem Menschenauge, als einem Kinde für das noch nicht Gesehene, das noch nicht Gesehene in seiner schönsten Gestalt, in dem Augenblick der ihn erreichbaren Vollkommenheit (seiner Reise hiefür), gebührt.

.... Weil ich Mistrauen habe, als ob mit Allem im Großen angefangenen nichts werden könne. Ins Große muß angefangen werden, nichts gespart, um die kleinste Haushaltung, wenn sie das Bild einer ist, recht zu stützen. Dafür, aber dafür allein, müßen Leute zusammentreten, nicht um durch das Aussprechen von Grundsätzen in das mishellige Publikum nichts gethan als ein nicht klar grundirtes Wasser erregt zu haben.

Luther hat doch das Unglück gehabt, Lutheraner zu machen. Warum? weil er sich mit Kalwin (dem Gnadenwahl ausübenden Kalwin – wie Jesus Chr. die rief die ihm folgen sollten) nicht eng genug verband.

Zitierhinweis

Von Paul Emile Thieriot an Emanuel. Yverdon, 25. Februar 1809, Sonnabend. In: Digitale Edition der Briefe aus Jean Pauls Umfeld, bearbeitet von Selma Jahnke und Michael Rölcke (2020–). In: Jean Paul - Sämtliche Briefe digital. Herausgegeben im Auftrag der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften von Markus Bernauer, Norbert Miller und Frederike Neuber (2018–). URL: http://jeanpaul-edition.de/umfeldbriefbrief.html?num=JP-UB1853


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Textgrundlage

h: BJK, Berlin V, 138
Briefkopierbuch der Briefe Thieriots an Emanuel, H. 3, S. [10]–[17].


Korrespondenz

Die Datierung ist möglicherweise nicht korrekt, Teile der Abschrift sind als Original mit dem Datum 5. Februar 1809 überliefert. Die Angabe neben dem Datum "dasselbe Blatt" bezieht sich wohl auf Thieriots Brief vom 29. Oktober 1808, der im Briefkopierbuch dem vorliegenden Brief vorangeht. – Möglicherweise handelt es sich um eine Sammlung von Ideen und Gedanken, die nur zum Teil Eingang in Briefe fanden.