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Martinlamitz, 10 Juni 1809.

Mein Thieriot! In der hiesigen Gegend sind noch 2 Orte, die auch den Namen von dem Bächlein, die Lamitz, haben: eines heißt Kirchen- das andere Niederlamitz.

Wiße es also, daß ich hier in Martin schon seit dem 23ten sitze.

Glaub' es aber ja nicht, daß ich oft sitze, sondern daß ich meistens in die Waldungen laufe, die zu Döhlau gehören und die respect. 3/4, 4/4 und 6/4 Stunden von hier liegen.

In dem 2ten und dem 3ten war ich heute schon und zwar unter dem Regen.

So bald mein Wirth, der brave Oberförster ausgeschlafen – es ist 4 Uhr Nachmittags – haben wird, dann geht er mit mir in das 1ste.

Ich habe einen Holzschlag vorgenommen und ließ 3 Tagwerke zur Probe abtreiben.

Die Probe fiel sehr gut aus.

Nun glaubt' ich es sollten sich Liebhaber zu dem Holze mit Grund und Boden finden, die fanden sich aber nicht.

Der Krieg hat den Leuten das Geld und |2 den Muth zu Unternehmungen genommen.

Außer dem oeconomischen Nutzen, den ich wenn auch kleiner, als bei einem eigenen Abtrieb – verlier' ich wenigstens 4 Wochen Zeit, die ich im künftigen Jahre hier in diesem Geschäfte wieder zu bringen muß.

Und da ich das große Holz in Einem Jahre nicht alles absetzen kann: so bin ich – wenn der Himmel nicht sonst Hülfe schaffet – auf mehrere Jahre gebunden.

Wie soll ich nun, wenn ich auch sonst keine Fesseln trüge ? , nach Yverdon?

Deine lieben neuen Briefe hab' ich bei mir; aber sie sind heute mit meinen Sachen schon auf Döhlau, 2 Stunden von hier, abgegangen, weil ich morgen, wie hierher, zu Fuß dahin gehe, also in Deine Staffen .

In Döhlau will ich so lange bleiben, als es mir dort gefällt; denn in Bayreuth gefällt mirs nicht recht.

Stell Dir vor, mein alter Vater ging nach Fürth und nahm sich dort ein junges Weib – eine Wittwe, die ich als Mädchen hatte heirathen sollen –!

Sag mir nur, warum die Hofmann ganz frei |3 von Dir gegangen ist?

Mein jüngerer Bruder etablirt sich nun auch hier.

Er ist auf Reisen und ich hoffe, er hat Dich in Offenbach aufgesucht.

Zwar ist er in meiner Abwesenheit abgereiset und ich konnte ihm nichts an Dich mitgeben; aber ich denke, er wird Dich doch sehen, da er nach Frankfurth gehet.

Wenn dieser gute Mensch einmal für sich bestimmt und in Geschäften ist, dann bin ich auch froher und freyer.

In dieser Gegenwart, besonders so lang' ich Döhlau verwalte und wir Krieg haben, ist an mein Weggehen nicht zu denken.

Wären meine Geschäfte hier, so wie ich hoffte ausgefallen: so hätt' ich wohl an eine Reise auf einige Monate gedacht und wozu anders als an Rhein und in die Schweitz – aber so nicht.

Mit Freuden würd' ich einige Zeit – als Freywilliger – dem Pestalozzischen Institut – auf irgend eine Weise nützlich seyn, wenn ich es könnte und es fähig wäre.

Döhlau, am 13t Juni. Vorgestern bin ich hier angekommen.Die Oestreicher rücken seit vorgestern |4 in unserm armen Ländchen, wie sie sagen, als Freunde ein."Eva Hofmann war mir in meinem Hause eine freundliche Erscheinung und ich freue mich an ihr ein gutes und verständiges Wesen meines Geschlechts mehr zu kennen."

So, und noch viel Gutes, schreibt Jette Braun von der Hofmann.

Aber Dein Gemälde von ihr – obgleich ich ein gutes weibliches Gemälde – von einem Weibe gefertiget – der Seltenheit wegen sehr schätze und liebe – ist mir bei nahe noch lieber – wenn nicht wenigstens eben so.

Himmlischer Mensch, ich kann jetzt noch nicht von Bayreuth, sonst ging ich nach Yverdon, aber zu niemanden als nach Yverdon und Du müßtest schon oder dann gleich dort seyn.

Hab Dank, für alles, was Du mir von der Hofmann an Dich und an mich theiltest und gieb auch ihr Dank und Gruß des Herzens.

Du wirst mir im Ausdruck immer klarer und lieber, mein Thieriot; fahre fort in dieser Klarheit und in dieser klaren Liebe.

Heute feyer' ich meinen heurigen Geburtstag, nach alter Zeitrechnung , obgleich in Ungewißheit, weil mir ein Jahrbuch nach dieser Zeit abgeht, im Geiste mit all den Meinen.

Jetzt will ich auf Dein Wohl ein Glas leeren, Guter.Ich bin ganz allein hier; aber ich genieße im Andenken an Euch Ihr Lieben Seligkeit.

Emanuel

Zitierhinweis

Von Emanuel an Paul Emile Thieriot. Martinlamitz, 10. Juni 1809 und Döhlau, 13. Juni 1809, Sonnabend und Dienstag. In: Digitale Edition der Briefe aus Jean Pauls Umfeld, bearbeitet von Selma Jahnke und Michael Rölcke (2020–). In: Jean Paul - Sämtliche Briefe digital. Herausgegeben im Auftrag der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften von Markus Bernauer, Norbert Miller und Frederike Neuber (2018–). URL: http://jeanpaul-edition.de/umfeldbriefbrief.html?num=JP-UB1873


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