Von Emanuel Osmund an Paul Emile Thieriot und Eva Thieriot, Bayreuth, 17. Februar und 16. August 1814, Donnerstag und Dienstag

Darstellung und Funktionen des "Kritischen und kommentierten Textes" sind für Medium- und Large-Screen-Endgeräte optimiert. Auf Small-Screen-Devices (z.B. Smartphones) empfehlen wir auf den "Lesetext" umzuschalten.



|1
Bayreuth, 17ten Febr. 1814.

Mein Thieriot! Heute, wo ich ewig, wenigstens hier, bei Dir seyn werde , heute will ich Dir recht herzlich danken für Deinen lieben Brief vom 4ten Nov. – 6 Dez. v. J , welchen ich vor einigen Wochen durch unsern braven Wangenheim erhalten habe.

Segnen will ich Dich heute mit meinem besten Segen, ich gesegneter durch Deine Treue, Deine Liebe, durch Dich!

Am 16ten Aug. Was wirst Du, mein ewig geliebter Thieriot zu dieser langen Pause Deines Emanuel gesagt, gedacht haben, Du und Deine Eva?

Deinen letzten Brief, aus Neuenburg v. 9ten Nov. 1813. bis 6ten Dez. , hab' ich durch unsern Wangenheim am 1ten Febr. erhalten, wie oben schon berichtet.

Auch dem guten W. schuld' ich Dank und Antwort und vielen, Vielen noch!

Wo soll ich anfangen, Thieriot?

Seit 12 Tagen hab' ich, durch eine Verkältung herbei gebracht, Stadt- und Hausarrest.

Diesen benutz' ich um meine Briefschulden alle zu tilgen.

So sehr ich mich oft nach Nachricht von Euch sehnte und sehne: so war mir doch Dein Schweigen recht, weil mir das Schreiben durchaus nicht möglich gewesen und jeder Brief mir nur eine drückende Mahnung gewesen wäre.

Durch einen Reisenden hab' ich unterdessen gute |2 Nachricht von Dir gehabt und der brave Mummenthaler in Emmenthal sagt' es auch, in einem Brief an Richter , daß es in Neuenburg wohl Dir gehe.

Aus Deiner Freude heraus hast Du mir geschrieben, Du weißt es gewiß, daß Du auch Freude in mich geschrieben, obgleich ich geschwiegen habe.

Ich habe große Geschäfte übernommen, in der Voraussetzung, sie in 12 Monden beendigen zu können; aber meinem Gott will ich ewig danken, wenn in noch 2 Jahren – eben so lange arbeit' ich schon – sie geendiget seyn werden.Der Mühe und Plagen viele machen sie mir, mein ganzes gesellschaftliches Seyn, meine Muse, Vieles kosten sie mich; aber ich werde mit Ehre dieses Geschäft beendigen und Lohn jeder Art dafür sammeln.

Mehrere meiner Freunde machen Vorwürfe mir, ob der vielen Plage; allein wer ein Stück Arbeit unternimmt muß sich von Mühseligkeiten nicht abschrecken lassen.Nach gethaner Arbeit ist gut feiern und meine Freunde will ich dann auch wieder besänftigen.Aber nun genug von meinen Arbeiten.

Wir haben Vieles erlebt während unsers Schweigens.

Hat der trübe politische Himmel Einfluß auf Dein Leben gehabt?Ihr habt Euern alt-neuen Landesherrn bei Euch gesehen. Wir behalten wahrscheinlich unsern guten Baierkönig.So wie ich eine Periode beginne möcht' ich immer eine Frage an Dich und Eva stellen und dazu scheint mir das Recht zu fehlen, weil jede Frage eine Bitte um baldige Antwort ist

|3 Noch sieht es bei uns sehr kriegerisch aus. Wir haben beständige rußische auch französische Truppen zu ernähren und Durchzüge desgleichen.

Weißt Du wohl, daß, so wie Du Dein Kommen nach Neuenburg beschreibst, Du mir das treue Bild eines ganzen Menschen lieferst?

Kann ein Vogel getroffen werden, oder ein Haar herausgerissen ohne Gott, dann können ohne ihn sich auch Millionen Menschen würgen.

Bei ihm ist das Große nicht groß, das Kleine nicht klein.Alles "hemdet" sich, mit Dir zu sprechen.

Auf der Erde muß Alles einen Anfang haben und verfolgt man jeden rückwärts: so erreichen wir stets einen • (Punct) und aus diesem • wird dann hier, was hier wir das Größte nennen oft.

Thieriot ich nenne den Zufall lieber Zusammentreffen oder Zusammenfinden der Umstände p und dieses Treffen, Finden füget, leidet Gott.Unser Richter hat uns uns; wer ihn uns u. s. w. gegeben?Was wär' ich ohne meine Geliebten, ohne meine Wenigen?Ohne sie, lieber Nichts, nicht möcht' ich seyn.

Also trag bei, mein Thieriot, daß ich Lust finde am Seyn, bleib mir, auch schweigend, wer seit Ao: 1 Du mir bist.

Gibt Gott mir einst Ruhe, dann such' ich meine Freunde – sei Du auch wo Du willst – auch Dich – jeden in seinem Hause noch einmal auf.

|4 Diese Wallfahrt soll dann meine letzte Reise seyn.

Ich werde mir dann einen Ruhepunct wählen und daselbst meine Tage schließen.

Das ist mein Plan außer noch Einem. Kann ich sie nicht ausführen, ich danke dennoch dem Herrn für seine Güte.Das Glück Deines braven, herrlichen Jaques bei der Leipziger Schlacht war groß.

Sind denn seine Kinder – wie viel? – wohl?

Entschlüpfte mir doch eine Frage.

Richters, Ottos, Zehelein, Israel, Alles ist wohl und würde Dich grüssen, wüßten sie, daß ich Dir schreibe.Mein alter, treuer Uhlfelder weiß es, denn er ist täglich bei mir und dießer grüßt Dich aufrichtig.

Richter will nach Nürnberg ziehen, weil er ein Logis braucht und ganz nach seinem Wunsche hier keines geschwind finden kann.Schließ daraus, daß er keine große Anhänglichkeit für uns arme Bayreuther mehr hat.Ich hoffe, daß er dennoch bei uns bleibt.

Meine liebe Eva! Auch Ihnen blieb ich lange die Versicherung meiner Mitfreude schuldig; aber nur die, warlich unnöthige, Versicherung, denn kindisch und kindlich freu' ich mich lange mit.Bleibt nur recht gesund.Wer ernsthaft, wie Ihr die Kunst und Arbeit suchet und mit solcher Lust, von dem lassen sie sich auch finden.Kann ich es möglich machen: so überzeug' ich mich mit eignen Augen von Eurer Einfachheit, von Eurem häuslichen Leben, von Eurem Glücke.

Sie, liebe Eva, sagten mir ja kein Wort von Ihrem Vögelein?

Es ist mir ordentlich wohl, daß ich mit Euch gesprochen, meine geliebten Thieriot und Eva, adieu, Thieriot und Eva!

Euer Emanuel

Zitierhinweis

Von Emanuel Osmund an Paul Emile Thieriot und Eva Thieriot, Bayreuth, 17. Februar und 16. August 1814, Donnerstag und Dienstag. In: Digitale Edition der Briefe aus Jean Pauls Umfeld, bearbeitet von Selma Jahnke und Michael Rölcke (2020–). In: Jean Paul - Sämtliche Briefe digital. Herausgegeben im Auftrag der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften von Markus Bernauer, Norbert Miller und Frederike Neuber (2018–). URL: http://jeanpaul-edition.de/umfeldbriefbrief.html?num=JP-UB1930


Informationen zum Korpus | Erfassungsrichtlinien

XML/TEI-Dokument | XML-Schema

Textgrundlage

H: BJK, Berlin V, 138
1 Dbl., 1 Adressblatt 8°, 4 S. (Brief). Auf S. 5 Adr.: Monsieur Paul Thieriot | place d'armes maison Guill. favarger | an 2e etage | à | Neuchatel; Siegelausriss, Siegel. Auf der Adressseite handschriftlicher Gruß von Henriette Braun: Eva und Thieriot | grüßt herzlich | Jette


Korrespondenz

B: Von Paul Emile Thieriot an Emanuel Osmund. Neuchâtel, 4. November und 6. Dezember 1813, Donnerstag und Montag

Der Brief war offenbar in einen nicht überlieferten Brief Emanuels an Jette Braun eingeschlossen, die ihn dann weiterschickte.