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Tubingen den 11ten Januar 1812.

Es ist unverantwortlich, Lieber! daß ich Ihnen so lange nicht geschrieben habe und unbegreiflich zugleich, da ich mich so gern mit Ihnen unterhalte. Sehen Sie also selber zu, wie Sie mich mit Hülfe Ihrer Gutmüthigkeit zu entschuldigen vermögen; ich kann es nicht. Denn, wenn ich Ihnen auch sage, daß mir die gleichzeitige Uebernahme drey neuer Aemter (ich habe namlich das Präsidium bey dem Oberappellationsgericht, das Präsidium bey der Ober-Studiendirection und das Curatorium bey der Universität Tübingen erhalten) ungeheuer viel Arbeit macht, so ist das zwar wahr; aber es ist eben so wahr, daß mir dennoch manche Viertelstunde für einen Freund übrig geblieben wäre, wenn ich sie nur recht benuzt hätte! Das ist aber überall der Fehler der Menschen, welche über Mangel an Zeit klagen, es fehlt immer an der bestimmten Ordnung.

Zeheleins Angelegenheit scheint mir jezt, wo der König eine gewiße Summe zu jährlichen Abzahlungen bestimmt hat, schwieriger u leichter zu beseitigen, als sonst. Schwieriger bey dem Könige, der nun mit dieser Bestimmung alles gethan zu haben glaubt, was man fordern kann, leichter bey dem Finanzminister, der nun wohl könnte, wenn er wollte. Ich rathe daher, daß sich Ihr Freund dringend an diesen, den Grafen Mandelsloh, zugleich aber auch an den geh. Oberfinanzrath von Hartmann, Kaßirer bey der General-Staats-Kaße, Ritter des Verdienstordens, wende. Ich fürchte, daß man bey lezterem auch mit gewichtigen Gründen etwas ausrichten könne, ohne dieses Mittel empfehlen zu wollen, theils weil ich des Grunds meiner Sorge nicht gewiß bin, theils weil ich solche Wege für, jedem Theile gleich, verbotene halte. Unmittelbar selber kann ich in jener Angelegenheit weder direct, noch auch, weil ich mit keinem Minister gut stehe, indirect handeln.

Erst seit wenig Tagen ist es entschieden, daß ich Ihrer Hülfe zu der großen Unternehmung, von der ich Ihnen schrieb , nicht bedarf. Sie wird jezt hier unter meinen Augen ausgeführt. Sie wird, wenn sie gelingt, wie sie nach s m einem Sinne allein gelingen soll, unsäglich große u schöne Folgen haben; sie wird immer große, mir aber vor der Hand gleichgültigere Folgen haben, wenn sie nur überhaupt gelingt. Sie haben also, Lieber! ganz unrecht gehabt, wenn Sie den Grund meines Schweigens über diesen Punkt in sich gesucht haben.

|2 Sie haben aber ganz recht vermuthet, als Sie in den Notizen, die ich Ihnen über Schmid gab, u in dem Briefe über Pestalozzi im Morgenblatt, den gleichen Verfaßer fanden , da auch dieser von mir herrührte, obgleich aus Schweitzerbriefen geschöpft.

Pestalozzi's Aufgabe wird mir täglich heiliger u bedeutender, je vertrauter ich damit werde, und jeder wahre Mensch sollte damit ganz vertraut seyn, da jeder erzieht u zu erziehen hat, er mag wollen oder auch nicht. Wenige haben in den Formen den tiefen Sinn geahnet; viele haben deswegen jene verachtet u ihnen, diesen abgesprochen; noch mehrere haben an beyde dumm geglaubt, ohne zu wißen warum; Allen mag das hingehen, was keinem mehr verziehen werden kann, nachdem Pestalozzi den Geist seiner Formen in den 3 lezten Heften der Wochenschrift, in der sogenannten Lenzburger Rede so klar ausgesprochen und Niederer, der herrliche Geist, in seiner Schutzschrift "Das Institut an das Publikum" alles so kernhaft u ächt philosophisch dargestellt u begründet hat. Möchte doch auch Richter diese beyden Schriften recht unbefangen auf sich einwirken laßen u dann irgendwo ein Wort zu seiner Zeit sprechen, um die schlummernden Kräfte in der Nation zur Ausführung der Idee aufzurütteln. Alles können ja die Männer von Iferten nicht allein thun! Es ist aber schon viel gewonnen; wenn der Gleichgültigkeit vorgebeugt wird, denn sie ist die Mutter alles geistigen u gemüthlichen Todes.

Ob mir Fibel gefallen hat? Nicht weil es Richters neuestes Werk ist, sondern weil er darin die Fulgurationen seines Genius nach den verschiedensten Richtungen hin concentrirt hat, ist mir Fibel das liebste Buch. Es giebt mir den ganzen Richter als Menschenkenner, Menschendarsteller, Menschenfreund, Gotteskind in den Formen des Humoristen, des Epigrammatisten, des Erzählers, des Predigers in der Wüsten. Ich bin nicht der einzige, den er so ergriffen. Zwey Federn sind damit beschäftigt, diese allgemeine Stimme unsers Publikums aus dem Leben in die Schrift überzutragen. Conz u Weißer sind ihre Führer. Danken Sie dem Guten in meinem Namen recht innig u herzlich!

|3 Was haben aber Sie u Richter zu Jacobi's neuester Schrift "von den gottlichen Dingen" gegen den tiefsten Schelling gesagt? Ich kann mir Richters Schmerz darüber vorstellen, da er Jacobi so liebt. Aber selbst der Freund wird nicht entschuldigen können, was weder juridisch, noch philosophisch, noch moralisch gerechtfertigt werden kann – das unverschämte Absprechen über die innerste Ueberzeugung eines Dritten, deren ja der Dritte selber im Aussprechen derselben kaum gewachsen ist. Zum Irrlehrer u Lügner sogar will der, welcher auf allen Seiten seines Buchs beweist, daß er Schelling nicht verstanden oder verdreht hat, einem Denker u Menschen, wie Schelling beydes ist, stempeln? Es ist empörend u traurig zugleich. Mir hat das verdammte Buch wieder einen Menschen geraubt, den ich so gern geliebt hätte. Der arme Mensch wird die Reyhe der Kante, Reinholde, Fichte und aller derer, welche vor Schelling waren u mit denen dieser fertig geworden ist, beschließen. Ich fürchte oder vielmehr ich weiß, daß der schlafende Löwe erwacht ist, der die Kläffer alle bey dieser Gelegenheit in die Felsengeklüfte schleudern wird. Die Klique gegen Schelling wurde zu übermüthig u es ist Zeit, daß er die Dukaten-Kerle (Soldaten) beßerer Generale züchtige. Viele verdammen die Polemik, ich aber liebe sie, wenn sie die rechte ist. –

Unser Freund Thieriot will nun wieder zur Geige greifen u würde eine gute Stelle annehmen, wenn sie sich ungesucht fände. Ich will für ihn suchen, allein an einem Ort, wohin er am liebsten gegangen wäre, in Weimar ist einer meiner Versuche schon gescheitert . Doch werde ich nicht müde werden. Wenns nur einmal gelänge, die gute Seele zu fixiren!

Leben Sie wohl, Lieber u Guter! u bleiben Sie der Freund des

Ihrigen
Wangenheim

Kennen Sie den kleinen Catechismus von Harms? Lesen Sie ihn doch, wenn Sie es noch nicht gethan.

Zitierhinweis

Von Karl August von Wangenheim an Emanuel. Tübingen, 11. Januar 1812, Sonnabend. In: Digitale Edition der Briefe aus Jean Pauls Umfeld, bearbeitet von Selma Jahnke und Michael Rölcke (2020–). In: Jean Paul - Sämtliche Briefe digital. Herausgegeben im Auftrag der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften von Markus Bernauer, Norbert Miller und Frederike Neuber (2018–). URL: http://jeanpaul-edition.de/umfeldbriefbrief.html?num=JP-UB2058


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Textgrundlage

H: DLA, B:Wangenheim, Karl August von
1 Dbl. 4°, 3 S. Auf S. 4 un s. 1 unten Emanuels Abschrift seines Briefes an Wangenheim vom 11. Oktober 1812.


Korrespondenz

B: Von Emanuel an Karl August von Wangenheim. Bayreuth, 1. September 1811, Sonntag
B: Von Emanuel an Karl August von Wangenheim. Bayreuth, 6. November 1811, Mittwoch
A: Von Emanuel an Karl August von Wangenheim. Bayreuth, 11. Oktober 1812, Sonntag