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|1 Prag den 4ten May 1815

Liebe gute Freundin! Oft, recht oft war ich bey Wolltmanns um Nachricht von Ihnen zu haben, aber immer vergebens. Ich glaubte Sie im Getümmel der Welt, darum wollte ich nicht schreiben und Ihnen die Pflicht das Antworten zu benehmen, Sie sehen ich kann resigniren, wenn es mir auch sehr viel kostet. Gestern hörte ich aber bey Wolltmans daß Varnhagen geschrieben daß Sie wieder an Ihren bösen Hüften weh leiden, und ich kann nicht umhin Ihnen meine inigste Theilnahme zu versicheren, und Sie recht sehr zu bitten mir Nachricht von Ihrer Genesung die ich herzlich wünsche zu geben. Ich denke in jeder Lage, in jeder Stunde, in jedem Augenblick an Sie, |2 es würde mich glücklich machen Sie wieder zu sehen. – Sie ein Augenblick über diese jetzige Welthändel sprechen zu hören. Von mir kann ich Nichts weiter sagen, als daß ich müde, Lebens müde bin – meine rastlose Thätigkeit, daß kann ich mit Wahrheit von mir sagen, bringt es doch nicht dahin daß ich ohne die fatalsten Sorgen leben kann; der schlechte Cours und die Theurung machten mir das Leben recht bitter, dazu rechne ich gar nicht ein Mahl die Mühe und Unannehmlichkeiten die mir meine Campagnarden machen, die ich wohl sehr in Anschlag bringen könnte. Nanette hat jezt ihre Bengelzeit, die weder Jassin nehmlich der Tanzmeister, noch ich heraus bringen kann, |3 ihre Trägheit wird wahrscheinlich durch den Kampf der Natur vermehrt, sie hat vom Blut ein solches Andrängen nach dem Kopf in den sonst nicht Viel hin ein will, daß ich oft über sie oder vielmehr an ihr ganz verzweifle – aber doch mehr Geduld mit ihr habe, als ich es sonst hatte. Obgleich ich alles Mögliche für mein Instituet thue, die beste Lehrer angenommen habe, kurz thue, als will ich für die Ewigkeit bauen, so wünsche ich doch nichts sehnlicher, als eine Stelle zu finden, wo ich ruhig seyen kann, unter Ruhe verstehe ich nehmlich keine pecunaire Sorgen zu haben denn die halte ich nach diesem Winter nicht mehr aus.

Sehen Sie die Schlegel, weiß sie nichts mehr von jener blinden Dame ? ich scheue |4 keine Genie, auch keine Mühe, und wünsche nur eine Lage auf die ich mit Sicherheit rechnen kann, bleiben mir nur ein paar Stunden für meine Kunst, und für ein Buch dann bin ich schon zufrieden.

Wolltmanns wohnen sehr angenehm, so oft ich dort bin, denke ich laut und im Stillen an Sie, und wünsche Ihnen diesen pitoresquen Anblick den Prag geben kann – sie sehen aus allen Fenstern Berge Thürme Wasser. Sie wohnen im 3ten Stock, und gehn aus ihrem Zimmer in einen recht niedlichen Garten, der auch eben die schönste Aussicht gewährt – überdem sind Beyde so heiter und ruhig; sie die Wolltmann ist wieder recht [...] hübsch – auch scheint es ihnen viel beßer zu gehen als vorigen Sommer – und sie genießen es – Sie wißen Beyde |5 sind so gescheidt nur in der Gegenwart zu leben, und auf ihre Weise den Augenblick zu genießen – mir wird immer wohl und heiter bei ihnen – Wolltmann hat den seltenen Vorzug daß er mit den Leuten recht herzlich und höflich artig zu gleicher Zeit seyn kann. Zwey Dinge die man sehr selten zusammen findet, und die mir so wohl thun. Haben Sie denn noch gar nicht die Moreau gesehen? Wenn Sie sie sehen sprechen Sie ihr doch von mir.

Empfehlen Sie mich auf das freundschaftlichste Varnhagen. Auch bitte ich die Schlegel von mir zu grüßen. Schreiben Sie mir bald liebe gute vortrefliche Freundin u glauben Sie mich

Ich darf Sie wohl nicht erst bitten daß wenn Sie von einer annehmlichen Stelle hören, an mich zu denken, jeder Ort ist mir gleich, das heißt jede Stadt. |6

Madame Reymann Nanette und die beyden Geschwister Jenny u Elise grüßen.

Zitierhinweis

Von Caroline Goldschmidt an Rahel Varnhagen. Prag, 4. Mai 1815, Freitag. In: Digitale Edition der Briefe aus Jean Pauls Umfeld, bearbeitet von Selma Jahnke und Michael Rölcke (2020–). In: Jean Paul - Sämtliche Briefe digital. Herausgegeben im Auftrag der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften von Markus Bernauer, Norbert Miller und Frederike Neuber (2018–). URL: http://jeanpaul-edition.de/umfeldbriefbrief.html?num=JP-UB2093


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Textgrundlage

H: BJK, Berlin V, 76
1 Dbl., 1 Bl. 8°, 5 S.