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Mittw. d. 22ten Nov: 1826.

Du geliebtes bestes Kind! An Dich zu schreiben würde mir die größte Freude machen wenn nicht so sehr viel Zeit dazu gehörte.

Dein Brief an Od. hat mich sehr gerührt und ich will Dir die ganze Schwester gewis recht bald schicken, Ich sitze jetzt den ganzen Tag schreibend am Bureau und weiß nicht was um mich vorgeht. Wäre ich allein so lägen alle Briefe und Papiere ausgebreitet um mich her, denn das beständige Zusammenpacken, und wieder Hervorholen ist recht mühsam Aber wie könnt' ich Odiliens Ordnungssinn zumuthen das zu ertragen?

Wir leben recht still und einsam, allein dennoch danke ich täglich Gott für die Ruhe; ein unübersehbares Meer von Arbeit liegt vor dem Handlanger, zu des Vaters ungedrukten Werken – und wer könnte das sein, als Jemand von Uns, und der muß – ich – sein. Und wie "auserwählt" komme ich mir vor, wenn ich darin thätig bin. Mein Leben schwebt |2 zwischen, Strümpfen stricken, und Schreiben – Rechnen – Bestimmen – etc. ich ambitionnire jetzt keine andere Arbeit als wenn Leute kommen, oder ich ausgehe – stricken, stricken. zur Herder, Donauer, Stein , Plotow gehts dann und wann; die arme abgestumpfte Seele athmet da manchmal irdische ihren Organen auch nothwenige Luft, um von Neuem mit glühenden Interesse an den Geisterkreis zu treten, den sie hütet und bewahrt, O könntet doch Ihr meine Kinder die Glückseligkeit genießen die mir aufgeht zu Theil wird wenn ich in den Gruben der Vergangenheit arbeiten, und die flimmernden Juwelen und Goldkörner mir aufgehen. Unnenbar ist die Wonne!

Das erste Briefbuch von 1785–93, ist bald ausgekernt. Denke Dir, die an "Wernlein" gerichteten Briefe sind so bedeutungsvoll. 3 bilden ganze Abhandlungen, die vielleicht von Otto nicht zur Biogr. gebraucht werden |3 auch diese könnte ich, Fritzen geben, allein auf Honorar kann ich bei ihm nicht verzichten. Wie macht man das? Ich bin schrecklich interessirt, aber Gott weiß daß es nothwendig ist.

Liebste Tochter. Sieh Dich doch mal um nach Shawls in München. Für Odilie möcht' ich zu Weihnachten einen langen auf schwarzem Grunde mit Blumen durchgewirkte. Vielleicht sind sie nicht theuer. Könnte man nicht von einer Prinzessin einen getragenen aber doch schönen kaufen? Denke Dir, und ich weiß daß ich Dir eine Freude damit mache: Auf dem Martini Markt habe ich mir diese Ausgabe für mich gemacht, und 23 fl. 30 xr daran gewendet. Lange zögert' ich, doch endlich siegte die Vernunft. Neulich fand ich eine Stelle in der Sevigné Briefen worin sie, was ich oft gedacht, sagt: Der Mensch mit Theilnahme für Andre erfüllt, müsse auch sich zuweilen wie ein Drittes Wesen betrachten, und auch für sich sorgen. – |4 Der Shawl sieht aus, frappant wie Frau von Welden und 33 fl. Sollte er einmal seiner eigentlichen Bestimmung abbgeblüht haben, so gibt er eine lange lange Bettdecke für nachkommende Jahrhunderte. Auf weißem Grunde, durchaus gewirkte Schnörkel und pailletten mit schöner Bordure, erinnert er an chinesische Pracht. Die Plotow beneidet ihn mir gar sehr. Diesen Shl. habe ich eigentlich Luisen Welden zu danken, weil sie mir einen zu danken hat. Ich brachte Beide ihrer Mutter zur Auswahl, und Luisens bescheidener Sinn wollte sich nur dann, an diesen wagen "wenn sie eine Braut wäre"

Die Welden war wieder gar gut gegen mich, ganz wie in der frühesten Zeit, wir waren recht seelig, und bald werd' ich eine solche Stunde wiederholen. Ich hatte ein Gefühl als wenn nur ich, ihr das sein könnte, was sie zur innigsten Mittheilung bedarf, und dis, stärkt sehr. Betty Schubert war hier und sehr gut. Ich ließ sie deinen und F. letzen Brief lesen. Amöne war gestern Abend da, recht liebenswürdig. Schreib' ihr doch einmal zu Otto's Geburtstag der am 9ten Dec: ist.

Hast Du Dich beim Landstreicher erkundigt was ein Bureau kostet, sage es mirCotta hat ja den Wechsel von 500 I fl. schon [...] bezahlt.

Lebe wohl, meine geliebte unaussprechlich theure Emma. Deine Liebe macht mir Glück. Sei heiter damit ich es bin. – Im Morgenblatt soll ja eine Rez. über Spaziers Buch sein. Gewis von Krause.

oder der Huber.

Von Fr. von Imhof die wärmsten Grüße an Förster, und Dich. Lauras Brief hat sie entzückt. Schreibe mir ja gleich wieder.

Betty sagt, auf dem Gemüsemarkt bei den Schweitzern in München kaufte man so wohlfeil

Zitierhinweis

Von Caroline Richter an Emma Richter. Bayreuth, 22. November 1826, Mittwoch. In: Digitale Edition der Briefe aus Jean Pauls Umfeld, bearbeitet von Selma Jahnke und Michael Rölcke (2020–). In: Jean Paul - Sämtliche Briefe digital. Herausgegeben im Auftrag der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften von Markus Bernauer, Norbert Miller und Frederike Neuber (2018–). URL: http://jeanpaul-edition.de/umfeldbriefbrief.html?num=JP-UB4593


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Textgrundlage

H: SBM Monacensia, Richter, Karoline A I/13
1 Dbl. 8°, 4 S.