Zur Edition der Briefe aus Jean Pauls Umfeld

Projektinformationen

Projektmitarbeiter

Prof. Dr. Markus Bernauer (Leitung); Selma Jahnke, Frederike Neuber, Dr. Michael Rölcke

Studentische Hilfskräfte: Pauline Thielert, Philipp Linß

Projektrahmen

ab 2019, gefördert durch die Deutsche Forschungsgemeinschaft

Kontakt

Michael Rölcke: roelcke@bbaw.de

Vorbemerkungen


Das neue Projekt wird erstmals Korrespondenzen aus der Familie und dem Freundeskreis Jean Pauls (bis zu dessen Tod 1825) edieren und dabei auch – insbesondere innerhalb der Familienkorrespondenz – bisher fehlende Teile unvollständig veröffentlichter Briefe ergänzen.

Um Jean Paul herum bildete sich im Laufe der Jahrzehnte ein eigentliches Netzwerk von Freunden und Bekannten. Sieht man einmal von berühmten Autoren wie Herder oder Jacobi ab, ist dieses Netzwerk biographisch, ideengeschichtlich und epistolarisch bis heute unerschlossen. Nur wenige Briefe und Dokumente haben Christian Otto und nach dessen Tod Jean Pauls Schwiegersohn Ernst Förster in Wahrheit aus Jean Paul’s Leben oder später in Denkwürdigkeiten aus dem Leben von Jean Paul Friedrich Richter aufgenommen. Figuren wie der Jurist und Schriftsteller Christian Otto oder der bedeutende jüdische Kaufmann Emanuel (Osmund), dessen Korrespondentennetz durch ganz Deutschland reicht, sind außer in ihrer direkten Beziehung zu Jean Paul ganz unbekannt. Das gilt etwa auch für Minna Spazier, geb. Mayer, spätere Uthe, Caroline Richters Schwester und eine der frühen Berufsschriftstellerinnen in Deutschland.

Die Überlegungen, die dem Projekt zugrunde liegen, sind aus der Arbeit an den Briefen von und an Jean Paul entstanden. So erklärt sich, warum hier die Anreicherung der Historisch-kritischen Jean Paul-Ausgabe durch weitere Briefen sich mit der grundsätzlichen Frage verbindet, was um 1800 Briefwechsel und Briefkommunikation genannt werden kann.

Da die Gestaltung von literaturhistorischen Briefausgaben generell nach dem Prinzip der Einheit von Absender und Schreiber eines Briefes auf der einen Seite und von Empfänger und Adressat auf der anderen Seite erfolgt, erarbeiten wir Briefausgaben von und an Goethe, von und an Jean Paul usw. Das mag aus pragmatischen Gründen im Regelfall vertretbar (und sogar notwendig) sein, doch ist dieses Verfahren vor den Briefen selber fragwürdig: Briefkommunikation um 1800 ist nur selten ein intimer und oft ein semiöffentlicher Vorgang, wenn dies nicht ausdrücklich ausgeschlossen wird. Zwar gibt es jene Autoren, die wie Friedrich Heinrich Jacobi Briefe entweder für den Druck oder umgekehrt ausschließlich als private dachten. Jacobi polemisierte dagegen, dass Briefschreiber, Briefempfänger und manche Verleger die von ihm hochgehaltene Unterscheidung in der epistolarischen Praxis nicht machten und private Briefe im Druck erscheinen ließen. Seine Polemik mag auch als ein frühes Anzeichen dafür gelesen werden, dass das Zeitalter des ‚offenen‘ Briefwechsels sich langsam dem Ende zuneigte (die persönlichen Briefe der Fontanes, Storms, Kellers oder Heyses sind jedenfalls nicht zum Vorlesen gedacht). Noch im ersten Drittel des 19. Jahrhunderts aber machten selbst die vertraulichsten Briefe die Runde, auch im Kreise Jean Pauls, brachten eine indirekte Kommunikation in Gang und bildeten als Briefwechsel Netzwerke. Mit Briefen (und mit Porträts) einen ganzen Freundeskreis zum Gespräch virtuell zu versammeln, war zunächst eine Idee des Halberstädter Dichters Johann Wilhelm Ludwig Gleim. Die Gegenwart der Abwesenden gleichsam auf einmal zu inszenieren, wie Gleim es im Freundschaftstempel vormachte, war Jean Paul zwar fremd, aber seine eigene Korrespondenz brachte Fremde miteinander in Verbindung, wirkte netzwerkbildend über Gegenstände wie – zum Beispiel im Fall Josephine von Sydows und Caroline von Feuchterslebens – Jean Pauls Konjektural-Biographie und das Verhältnis von fiktivem und realem Autor.

In derartigen Fällen ist der Versuch, die Beteiligten zu vernetzen, direkt nachvollziehbar. Mit Bronislaw Malinowski können diese Verständigungsformen als „phatische Kommunikation“ bezeichnet werden, sie dienen mehr der Bildung eines sozialen Zusammenhangs als der Mitteilung (Jochen Strobel). Multipolarität in den Briefwechseln um 1800 und die systematisch praktizierte indirekte epistolarische Kommunikation an einer Modell-Edition sichtbar zu machen, ist das Ziel des Projekts der Umfeldbriefe, das hierfür die neuen Möglichkeiten digitaler Editionen nutzen wird.

Die editorischen Prinzipien, nach denen die Briefe von und an Jean Paul erarbeitet wurden, gehen auf die 1920 und auf die 1960 Jahre zurück: Sie stellten und stellen aus heutiger Sicht für die Textherstellung kein ernsthaftes Problem dar, wogegen schwerwiegender die Fokussierung auf die direkte Kommunikation zweier einzelner Briefpartner ist, die sowohl auf der Verfasser- wie auf der Empfängerseite Multipolarität ausschließt und eben nicht berücksichtigt, dass Kommunikationswege nicht immer direkt von einem (einzelnen) Absender zu einem (einzelnen) Adressaten führen. Solche Einengungen verfälschen die Korrespondenzrealität um 1800 erheblich. Denn es gibt zahlreiche Briefe, die nicht von einem Absender an (ausschließlich) einen Adressaten gerichtet sind.

Briefe mit mehreren Verfassern


Innerhalb der Familie Richter sind Gemeinschaftsbriefe keine Seltenheit; auch innerhalb des Freundeskreises nicht: Briefe von Vater und Mutter an ein Kind oder des Vaters und der Kinder an die abwesende Mutter oder Briefe von Caroline Richter und Jean Paul an Freunde. Berend nahm aus Gemeinschaftsbriefen in der Regel nur jene Teile auf, die von Jean Paul stammen. So liest man dessen Postscripta ohne die zugehörigen Briefe und Briefe von ihm ohne die Nachschriften seiner Frau, Briefe von Vater und Kindern an die abwesende Mutter ohne den Anteil der Kinder usw. In den Briefen der IV. Abteilung finden sich so – gerade innerhalb der Familienbriefe – etwa Antworten auf Fragen, die in den beantworteten Briefen Jean Pauls nicht stehen, weil sie Caroline Richter gestellt hat.

Nur einen ausdrücklichen Verfasser, der aber nicht mit der Hand der Niederschrift identisch ist, haben diktierte Briefe. Berend hat solche, von einem Familienmitglied niedergeschriebene und von Jean Paul oft ergänzte und unterschriebene Diktate (vgl. etwa den der Tochter Odilie an Renate Otto in München vom 5. 1. 1824 ) selbstverständlich aufgenommen, ebenso die Einträge Emma und Odilie Richters im Briefbuch (zehn aus den letzten beiden Jahren, dazu einer von Caroline Richter), von denen Jean Paul einen eigenhändig nachkorrigiert hat. Als Vorlage für Diktate könnten Konzepte wie jenes gedient haben, das kürzlich im Autographenhandel aufgetaucht ist, das den Entwurf eines Briefes an Johann Christian Heinroth enthält und vom Herbst 1823 stammen dürfte. Jean Paul bedankte sich für die Zusendung des „Lehrbuchs der Seelengesundheitskunde“. Dass das Konzept nicht für ihn selber bestimmt war, sondern für ein Familienmitglied, geht aus der Fortsetzung hervor, wo es heißt: „Jean Paul subscrips / Ich soll noch eigenhändig meine ausgesprochne Liebe …“

Ganz und gar nicht ausgeschlossen ist nun aber, dass dieses Konzept als Anleitung zu einem eigenen Dankesbrief Caroline Richters mit einem Postskriptum Jean Pauls gedacht war. Fälle, in denen Caroline Richter schrieb, weil Jean Paul sich dazu nicht in der Lage sah, sind nicht selten – und nicht erst in der Spätzeit. Ausdrücklich sagen das einige Zeilen von ihr an den Freund der Familie Emanuel Osmund vom 5. Januar 1825 (die Berend für dieses letzte Lebensjahr und einer Nachschrift Jean Pauls wegen bezeichnenderweise berücksichtigt hat): „Betrachten Sie mich blos als das Auge und die schreibende Hand eines Mannes, theurer Emanuel, der drei Bitten an Sie hat, und der kranken Augen wegen, die ihm am Morgen nur wenige Stunden zu seinen Arbeiten dienen, jetzt oft durch Einen von Uns Briefe schreiben läßt.“

Anders hat Berend in einem anderen, wesentlich komplexeren Korrespondenzfall entschieden: Der über die fahrige und orthographisch nicht selten grob fehlerhafte Schreibweise des Sohnes schwer verärgerte Jean Paul weigerte sich im März 1821, dessen Brief selber zu beantworten; statt dessen schrieb er ein Konzept, das er an Caroline Richter mit der Aufforderung weiterreichte, es zu einer Antwort ihrerseits, aber in seinem Namen auszuarbeiten. Die zwischen Mann und Sohn stehende Caroline Richter verweigerte sich diesmal dem Ansinnen ihres Mannes und sandte Max das Konzept mit einem Begleitschreiben; das Konzept hat sich erhalten, der Begleitbrief lag Berend noch vor. Aufgenommen in die Ausgabe hat er jedoch nur das Konzept, der Brief Caroline Richters findet nur in einer Erläuterung eine knappe Erwähnung, obwohl doch beide Briefe zusammengehört hätten.

Diese hier aufgezählten Fälle, zu denen etwa auch Schreiben wie jenes zu zählen wären, das der Neffe Richard Otto Spazier Anfang November 1825 mit Sicherheit im Auftrag Jean Pauls, aber mit ebenso großer Sicherheit nicht durchgehend in seinem Sinne an den Verleger Georg Reimer richtete, markieren die Grenze zwischen eigenen und im engeren Sinne stellvertretend für Jean Paul geschriebenen Briefen. Im weiteren Sinne stellvertretend hat Caroline Richter zahlreiche Korrespondenzen mit Freunden und Bekannten geführt – ein Komplex von Briefen, der in der in der Historisch-kritischen Jean Paul-Ausgabe insgesamt nicht berücksichtigt wurde und bis heute unbekannt ist.

Briefe mit mehreren Empfängern


Innerhalb der Familienkorrespondenz – aber auch darüber hinaus – haben viele Briefe mehrere Empfänger. Unproblematisch sind jene Fälle, in denen zwei Adressaten aufgeführt sind (hier in der Regel Jean Paul und Caroline Richter); solche Briefe sind jeweils mit vollständigen Empfängerangaben in die Briefe an Jean Paul (IV. Abt.) aufgenommen worden. Hierzu gehören beispielsweise die Briefe Henriette von Endes an das Ehepaar Richter (hingegen hatte Berend bezeichnenderweise einen zusammengehörigen Brief, der an zwei Tagen niedergeschrieben wurde, in den Regesten der An-Briefe in der III. Abteilung nach Empfängern geteilt).

Größere Schwierigkeiten bieten hingegen jene Fälle, in denen die intendierten Empfänger nicht als Adressaten aufgeführt sind. Es gibt zwei Formen der Multipolarität der Empfängerschaft, einmal jene, bei der noch andere Leser als der Adressat, womöglich ein größerer Leserkreis, vom Schreiber von Anfang an mitgedacht werden, zum anderen jene, bei der Briefe Teil einer mehr oder weniger bewussten indirekten Kommunikation sind. Beide Formen sind im Übrigen nicht immer eindeutig voneinander zu trennen.

Zur ersten: Sowohl Jean Paul wie Caroline Richter haben Ihre Briefe, die sie von Reisen nach Hause schickten, immer für die ganze Familie und darüber hinaus auch für den Bayreuther Freundeskreis gedacht, in dem sie weitergereicht und zuweilen vermutlich auch in der Runde vorgelesen wurden. Solche Briefe sind Teil einer literarischen Kultur, die selbst bei sehr vertraulichen Gegenständen abwägt, wie viele Leser sie vertragen. So finden sich bei Jean Paul und Caroline Richter immer wieder einzelne Briefteile bezeichnet, die nur für den jeweils anderen gedacht sind (etwa wenn Jean Paul über einen Zettel aus Stuttgart schreibt: „Für dich allein“ ). Aber gerade viele der Briefe Jean Pauls sind offenkundig für eine größere Leserschaft abgefasst, auch in den persönlichen Stellen. Und selbst intime Bekenntnisse sind im Übrigen nicht selten für die Weitergabe angelegt: So schickte Jean Paul im Frühjahr 1800 Briefe seiner Verehrerin Josephine von Sydow an seine damalige Verlobte Caroline von Feuchtersleben weiter, was die Verfasserin offenbar nicht empörte, als Jean Paul es berichtete; und Caroline von Feuchtersleben wiederum bedankte sich für einige Zeilen Christian Ottos an sie in einem der Verlobungsbriefe an Jean Paul, der diesen selbstverständlich weitergegeben hatte. Für die Geschichte der Gattung Brief, aber auch für die Geschichte der Psychologie und für die Kulturgeschichte ist dieses Phänomen, Dritten Einblick in einen intimen Austausch zu geben und nicht selten Vertraulichkeiten semiöffentlich oder gar ganz öffentlich zu machen, von größter Bedeutung und höchstem Interesse .

Fast einfacher erscheint da die zweite, die erkennbare indirekte Kommunikation zwischen zwei Personen über eine dritte. So führt innerhalb der Familie Max Richter sein Gespräch mit dem Vater auch in den Briefen an die Mutter, die sich der Rolle als Mittlerin nur selten verweigert. Die Konfusion ist hier bisweilen so groß, dass selbst Berend, der auf einer strengen Zuordnung der Briefe zu Verfassern und Adressaten bestand, einen von Max Richter mit Anrede an die Mutter geschriebenen Brief (diesmal zu Unrecht) als ‚eigentlich‘ an den Vater gerichtet in seine Regesten aufgenommen hat. Analog zu den Briefen Jean Pauls, wozu im Falle des Sohnes Max auch die der Mutter gehören, gestatteten die Editionsgrundlagen der bisherigen Ausgaben nicht, die indirekte Kommunikation innerhalb der Familie Richter generell durch den Abdruck der Briefe wiederzugeben – ein Manko, das in den Anhängen nur exemplarisch und in den Kommentaren nur notdürftig von Fall zu Fall aufgefangen werden konnte.

Von dieser Richter’schen Familienkorrespondenz, die wegen ihrer Dichte, aber auch wegen der Eloquenz aller Beteiligten, einen tiefen Einblick in eine bürgerliche (Klein-)Familie um 1800 gestattet, sind von wenigen Ausnahmen abgesehen, nur jene Teile veröffentlicht, an denen Jean Paul einen direkten Anteil hatte (also Briefe von und an ihn), nicht aber der Briefwechsel des Sohnes Max Richter und der Töchter Emma und Odilie mit der Mutter, an dem der Vater immer teilhat, selbst wo er nicht einmal genannt wird. Interessanterweise stellt sich übrigens die Editionslage für die Zeit nach dem Tod Jean Pauls ganz anders dar: Die bereits 1889 erschienene Sammlung von Brix Förster mit den Briefen seiner Mutter Emma sowie jüngst der wissenschaftlichen Anforderungen genügende Band von Christiane Pritzlaff mit zahlreichen Briefen von Odilie Hake-Richter an ihre Mutter und an ihren Mann stellen das Fortleben der Familie nach dem Tod Jean Pauls in den Mittelpunkt. Dass Caroline Richter auch zahlreiche Briefe erhielt, in denen Jean Paul als Leser mitgedacht war, versteht sich. Auch von diesem Material ist bis heute so gut wie nichts bekannt; eine Ausnahme stellen Charlotte von Kalbs Briefe an sie dar, die in die Sammlungen von Nerrlich (1882) und Klarmann (1902, im umfangreichen Anhang) Eingang gefunden haben.

Dass Briefe Netzwerke bilden und dass sich die phatische Kommunikation oft darin spiegelt, ist die Voraussetzung dafür, ein Projekt von Umfeldbriefen wie das vorliegende in Angriff zu nehmen. Bis 1825, dem Todesjahr des Dichters, sind aus dem Umfeld Jean Pauls – je nachdem, wie weit man es fasst – zwischen 1500 und 2000 Briefe überliefert, Briefe, die innerhalb der Familien Richter und Mayer, zwischen der Familie Richter und Freunden sowie unter den Freunden und Bekannten gewechselt wurden. Der Bestand dieser Korrespondenzen (immer bis 1825) kann in diesem Zusammenhang nur grob umrissen werden. Es sind wohl fast 150 Briefe überliefert, die innerhalb der Familie Richter ohne direkte Beteiligung Jean Pauls gewechselt wurden, also von Emma, Max und Odilie Richter mit der Mutter und untereinander. Dazu kommt die Korrespondenz Caroline Richters mit ihrem Vater, dem Berliner Obertribunalrat Johann Wilhelm Siegfried Mayer sowie ihren Schwestern (insbesondere Ernestine Mahlmann).

Von Caroline Richter ist außerdem bis zum Tode Jean Pauls Korrespondenz erhalten u.a. mit: Johann Daniel Falk, Friedrich Gentz, Johann Wilhelm Ludwig Gleim, Julius Eduard Hitzig, Franz Wilhelm Jung, Johann Gottfried Langermann, Carl Borromäus von Miltitz, Georg Reimer Friedrich Christian August Schwendler, Heinrich und Ernestine Voß. Die Briefe an Henriette von Ende sind verloren, während sich die Gegenbriefe erhalten haben. Mit dem hessen-homburgischen Regierungsbeamten, Schriftsteller und Freund Friedrich Hölderlins Franz Wilhelm Jung führte sie lange und immer wieder die Korrespondenz regelrecht in Vertretung Jean Pauls, dessen Pläne und Absichten sie kundtat. So schreibt sie beispielsweise am 17. Juli 1813 (ungedruckt): „Doch zuerst von Richter, der wie ich sich an Ihrem Wohlwollen und Ihrem zarten Andenken erfreute – er wünschte Sie mehr genoßen zu haben, als er Sie sah – er erwartet es vom Schiksal als eine Gabe, da er immer mehr den Werth Ihres Herzens erkennt. Vielleicht gehen wir bei der Erneuerung des Kriegs nach Heidelberg um dort ein Asyl gegen seine Unruhen zu finden, da die Nähe der österreichischen Grenze für Bayreuth gefährlich werden kann. Dann sind wir Ihnen näher“. Nicht weniger interessant ist dieser Brief einer zweiten Stelle wegen, aus der hervorgeht, dass der Bayreuther Gymnasiallehrer Heinrich Lorenz Wagner Jean Pauls ältester Tochter „Privatstunden in den höheren Wissenschaften“ erteilte, ihre Intelligenz rühmte und bedauerte, dass sie kein Knabe sei. Immerhin neigten Jean Paul und Caroline Richter zumindest zeitweilig dazu, die Töchter nicht anders schulisch bilden zu lassen als den Sohn. Auch über die praktische Kindererziehung (nicht nur Jean Pauls theoretische in der Levana) geben die Familien- wie auch manche Freundesbriefe der Richters reiche Auskunft.

Eine von heute aus gesehen besonders interessante Figur im Bayreuther Freundeskreis der Familie Richter ist der jüdische Kaufmann Emanuel Osmund. Emanuel steht für eine jüdische Lebens- und Emanzipationsgeschichte um 1800 – die jüdisch bleibt, weil er sich nie taufen ließ. Die Familien Richter und Osmund (später mit dessen eigener Familie) erproben ein selbstverständliches christlich-jüdisches Zusammenleben, in dem Emanuels Judentum in Jean Pauls Familie und die konfessionell freizügige, christliche Lebenswelt der Richters bei Emanuel einen je eigenen Stellenwert hat. Emanuel war denn auch Taufpate des Sohnes Max und väterlicher Freund der Kinder, die bei ihm ein- und ausgingen. Dank seiner vielen Reisen sind über einhundert Briefe von Familienangehörigen Jean Pauls an Emanuel Osmund überliefert; an einigen Briefen von Caroline Richter hatte Jean Paul selber Anteil – aus dem Korrespondenzdreieck Jean Paul – Caroline Richter – Emanuel hat Berend in der Regel nur dessen Teil gedruckt.

Aber auch über die Familie hinaus war Emanuel neben Jean Paul die wichtigste Schnittstelle in dessen Beziehungsnetzwerk, das mit sein eigenes war; glücklicherweise hat sich in seinem Fall der schriftliche Nachlass erhalten, darin hunderte von Briefen und Briefkopien. Enthalten ist hierin auch ein Teil der Korrespondenz von Emanuel mit Paul Emile Thieriot, seinem vielleicht wichtigsten Briefpartner (die Gegenbriefe sind in der Sammlung Varnhagen, derzeit in Krakau, erhalten). Thieriot war ein hochbegabter Tausendsassa, Jurist, Schriftsteller, Violinist (der es bis zu Auftritten im Leipziger Gewandhaus gebracht hatte) und zuletzt Pädagoge und Lehrer. In der Korrespondenz geht es oft um Jean Paul, aber ebenso häufig um die Freunde um Jean Paul herum – sie ist deswegen das vielleicht wichtigste Zeugnis des Netzwerks als solches.

Emanuel korrespondierte mit weiteren Partnern, darunter einige jener selbständigen Frauen aus der Berliner Lebenswelt um 1800 wie Henriette von Schlabrendorff (Schwendler), die kurzzeitig mit Jean Paul ein Verhältnis anzuknüpfen suchte und mit der Familie Richter danach verbunden blieb. Oder mit dem bedeutenden württembergischen Politiker Carl August von Wangenheim, mit dem auch Jean Paul im Dialog stand.

Christian Otto war lange des Schriftstellers erster Leser und Kritiker. Nach Jean Pauls Umzug nach Bayreuth 1804 wird der Briefwechsel spärlicher, ohne ganz aufzuhören. Was sich erhalten hat, ist auch deswegen von Interesse, weil viele Zeitfragen verhandelt werden. Otto verstand sich als historischer, politischer und ökonomischer Schriftsteller; und im Zusammenhang mit einem seiner Bücher kam es auch zum Dissens zwischen ihm auf der einen und Emanuel und Jean Paul auf der anderen Seite – die Freunde warfen ihm Antijudaismus vor. Der Korrespondenz Christian Ottos können etwa zwei Dutzend weitere Briefe aus dem Bayreuther Umfeld zur Seite gestellt werden.

Schon genannt wurde Schillers Freundin Charlotte von Kalb, die eine glühende Verehrerin Jean Pauls war. Von ihr liegen 35 Briefe an Caroline Richter vor sowie – noch interessanter – zahlreiche weitere an teils prominente Empfänger wie Friedrich Justin Bertuch, Carl August Böttiger, Karl Ludwig von Knebel oder – den engeren Rahmen der Kontextbriefe sprengend – Adelbert von Chamisso.

Die weiteren Briefe entfallen auf andere Korrespondenzen, darunter die umfangreichen Konvolute Wangenheim-Thieriot (65) und Oertel-Otto (42); als Beispiele genannt seien noch der berüchtigte Herzog Emil August von Gotha, der Mäzen Truchsess zu Bettenburg oder die Schriftsteller Johann Daniel Falk und Ernst Wagner.

Diese Briefe sollen nicht nur im Volltext präsentiert, durch die Register erschlossen und wenigstens in den Grundzügen erläutert werden, sie sollen auch an die bestehende digitale Edition sämtlicher Briefe Jean Pauls angebunden werden, um ihre Stelle in der Korrespondenz des Dichters sichtbar zu machen. Geplant ist außerdem eine begleitende Tagung zu Briefnetzwerken (Arbeitstitel Brief-Netzwerke: Formen der Edition, Formen der Visualisierung), die auch die Frage verfolgt, wie das Phänomen der Netzwerke in Briefen und durch sie mit digitalen Präsentationsformen erfasst und darstellbar gemacht werden kann. Denn wenn viele private Briefe bis weit ins 19. Jahrhundert semiöffentlich gedacht sind und selbst Intimes mehr als zwei Leser finden soll, stellt sich immerhin die Frage, ob die sozialen Netzwerke heute nicht nur einen Zustand erneuert haben, der zwischenzeitlich in Vergessenheit geraten war.